Die Kursbuchstrecke 470 Koblenz–Köln

Wir beginnen mit ein paar allgemeine Informationen zu den Fahrplantabellen in Kursbüchern.

Jede Seite einer Kursbuchtabelle ist identisch aufgebaut:

  • Überschrift mit Kursbuchnummer, Streckenführung- und bezeichnung;
  • darunter die Gültigkeit, hier also nicht für ein ganzes Jahr, sondern es ist ein neuer Fahrplan zum „Kleinen Fahrplanwechsel“ im Juni;
  • dann in kleiner Schrift die Zugehörigkeit zu Tarifverbünden;
  • anschließend der eigentliche Fahrplan: Abfahrtszeiten und Bahnhöfe werden tabellenartig zugeordnet;
  • und darunter Erläuterungen zu dieser Tabelle. Die Standardabkürzungen und Zeichen werden hier nicht erklärt, sondern nur die für die jeweilige Seite besonders relevanten Abkürzungen.[i]
  • Manche Kursbuchdarstellungen beinhalten auch eine Kilometrierung vor den Bahnhöfen, sodass Sie ein Gefühl für die Entfernungen bekommen.

Nun zu unserem konkreten Beispiel:

Die „Linke Rheinstrecke“ mit der Kursbuchnummer 470 verläuft zwischen Koblenz Hbf und Köln Hbf und ist eine zweigleisige, dicht befahrene Hauptstrecke. Die Fahrplandaten stammen aus dem Jahre 2019 von der DB.

Zwischen Koblenz und Bonn liegen als etwas größere Städte Andernach, Remagen, Bad Godesberg, Bonn und Brühl. Diese Bahnhöfe und alle weiteren sind in der linken Spalte untereinander angeordnet, in der Reihenfolge, wie sie ein Zug dann auch durchfährt oder dort anhält.

Die Uhrzeiten der Züge stehen in der Tabelle im Format „Stunde Minute“ ohne Punkt oder Doppelpunkt dazwischen. Rot dargestellt sind Fernverkehrszüge, blau Nachtzüge und schwarz Nahverkehrszüge.

In der Kopfzeile der Fahrplantabelle steht für jeden einzelnen Zug dessen Zuggattung, Zugnummer und Liniennummer. Beginnend links mit ICE 553, rechts daneben die RB48 mit der Zugnummer 32508 und so weiter.

Bekanntlich ist der ICE ein Fernverkehrszug der Deutschen Bahn. Die RB48 ist, wie es auch unten rechts in den Anmerkungen steht, die Rhein-Wupper-Bahn mit ihrem Betreiber National Express.

Im Nahverkehr verkehren weitere Linien: die RE5 (der Rhein-Express), den ebenfalls National Express betreibt, dann die MRB26 (Mittelrheinbahn von trans regio) und schließlich die RB23 und RB30 (Lahn-Eifel- und Rhein-Ahr-Bahn) ohne weiteren Hinweis auf den Betreiber. Das ist in diesem Fall DB Regio AG.

Damit nicht genug, denn es gibt auf dieser Strecke noch zwei Intercityzüge – 2212 und 2206 der DB Fernverkehr – und die beiden blau markierten Nachtzüge 40490 und 420 ohne Angabe des Betreibers. Laut Reiseauskunft der DB handelt es sich um die Österreichische Bundesbahn. Das ist vielleicht nicht unbedingt verwunderlich, denn, wie Sie aus der Tabelle problemlos herauslesen können, fährt dieser Zug offenbar von Innsbruck/Wien nach Düsseldorf. Das erklärt auch die für Deutschland außergewöhnliche Zuggattung „NJ“, der „NightJet“.

Insgesamt fünf unterschiedliche Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen fahren auf dieser Strecke, die insgesamt acht verschiedene Linien bedienen. Zusätzlich gibt es den Nachtzug, der keine Linienbezeichnung besitzt.

Nun hinein in den eigentlichen Fahrplan. Bei den Uhrzeiten sind immer die Abfahrten gemeint, es sei denn, sie sind ausdrücklich als Ankunft gekennzeichnet. Ankünfte erkennen Sie an dem Symbol o in der Spalte mit den Bahnhofsnamen. Außerdem ist die Tabelle bei Ankunftszeiten durch einen Querstrich gegliedert.

Der ICE 553 beispielsweise fährt um 5.45 Uhr in Koblenz Hbf ab und kommt um 5.56 Uhr in Andernach an. Dazwischen hält er nicht, erkennbar an den senkrechten Strichen, die zwischen diesen beiden Uhrzeiten gezogen sind. In Andernach hat dieser Zug zwei Minuten Zeit, um die Fahrgäste aus- und einsteigen zu lassen, fährt dann um 5.58 Uhr weiter Richtung Bonn und kommt in Köln Hbf um 6.42 Uhr an. Sein Ziel ist Berlin Gesundbrunnen.[iii] Der weitere Verlauf dieses Zuges ist dann aus einer anderen Kursbuchnummer abrufbar.[iv] Doch das ist nicht nötig, weil das Prinzip dort das gleiche ist. Interessanter ist eher die Frage, weshalb der Zug in der Tabelle zweimal auftaucht.

Letztlich gibt es nur einen erkennbaren Unterschied: Der eine Zug kommt um 6.42 und der andere um 6.43 Uhr in Köln an. Sind das nun zwei unterschiedliche Züge? Nein, sicher nicht, denn Sie sehen in der Kopfzeile die Anmerkungen 5 und 6 (weiße Zahlen im roten Kreis). Unten ist dann erklärt, dass der eine Zug bis zum 11. Oktober fährt, der andere ab 12. Oktober. Diese eine Minute Abweichung sorgt dafür, dass der Zug zweimal auftaucht. Die Ursachen sind Spekulation: Es könnten Bauarbeiten sein oder eine Fahrplanänderung eines anderen Zuges, sodass in Köln Hbf das Gleis länger belegt ist, oder einiges mehr.

Und noch etwas zu diesem Zug: Dieser ICE 553 fährt nur montags bis samstags und nicht sonntags. Dass eine Einschränkung der Verkehrstage besteht, ist an den Schlangenlinien links neben den Uhrzeiten bei dem jeweiligen Zug zu erkennen. Welche Einschränkung es konkret ist, steht entweder in den Anmerkungen oder in der Kopfzeile.

Um die Verkehrstage genauer zu betrachten, ist die RB23 mit der Zugnummer 12600 von Limburg interessant, die in Andernach endet. Auch dort ist die Schlangenlinie eingezeichnet und in der Kopfzeile der Hinweis Mo–Fr. Also: Dieser Zug fährt nur montags bis freitags. Aber was ist mit den Feiertagen, die auf Werktage fallen? Darüber gibt dann die  ➋  Auskunft: An Pfingstmontag und Fronleichnam verkehrt dieser Zug nicht, ebenso wenig am Tag der Deutschen Einheit und Allerheiligen, die alle auf Werktage fallen.

Weiter geht es mit dem blau markierten Nacht- und Autoreisezug der ÖBB. Auch hier sind zwei Spalten, die völlig identisch erscheinen – bis auf die jeweilige Zugnummer und den Startbahnhof. Der eine Zug NJ 40490 kommt aus Wien, der NJ 420 aus Innsbruck. Hier handelt es sich um einen Flügelzug oder einen Zug mit Kurswagen, der aus zwei Zugteilen besteht. Es ist möglich, die Züge nachzuverfolgen und dann herauszufinden, wo deren Treffpunkt war.[v]

Der Pfeil nach rechts in diesen beiden Spalten des NightJets bedeutet, dass die Fortsetzung auf der nächsten Seite folgt.[vi]

An der großen Zahl an Linien, Zügen und Betreibern wird deutlich, dass es sich um eine dicht befahrene Strecke handelt, bei der die Züge unterschiedlich schnell fahren und unterschiedlich oft halten. Es gibt ein weiteres Indiz dafür, wie knapp das alles bemessen ist: Es geht um die Überholung der RB26 (Zugnummer 25410) im Bahnhof Remagen durch den IC 2206 nach Norddeich. Die RB kommt um 7.03 Uhr in Remagen an und fährt dort um 7.11 Uhr weiter. Der Intercity kommt drei Minuten später als die RB in Remagen an und fährt drei Minuten vor ihr wieder ab. Das entspricht dem nötigen und signaltechnisch überwachten Sicherheitsabstand zwischen diesen beiden Zügen. Wenn nun der Intercity etwas Verspätung hat, bekommt die RB ebenfalls Verspätung. Alternativ fährt die RB in Remagen planmäßig ab, dann bekommt der Intercity weitere Verspätung. Und sollte die RB Verspätung bekommen, dann hält sie kurz vor Köln schon den nächsten IC auf, der allerdings erst auf der nächsten Tabellenseite erscheint.

Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der linken Rheinstrecke um kein stabiles Fahrplangebilde handelt. Tatsächlich ist die Linie RE5 Wesel–Koblenz (im Beispiel Koblenz ab 6.12 Uhr) eine der unpünktlichsten Linien überhaupt im Ruhrgebiet. Diese Verspätungen kommen auch auf der linken Rheinstrecke an, wo dieser Zug zwischen Köln und Koblenz fährt, und übertragen sich auf andere Züge.

Es gibt auf die vermutlich angespannte betriebliche Lage auch einen weiteren konkreten Hinweis: Unterhalb der Fahrplantabelle steht die Bemerkung: „Züge des Nahverkehrs warten in Koblenz Hbf, Andernach und Remagen im Allgemeinen nicht auf verspätete Anschlusszüge.“ Das ist ein deutliches Signal, dass man mit diesem Mittel versucht, die betriebliche Stabilität einigermaßen aufrechtzuerhalten.[vii]

Aus diesem Beispiel ist der Taktfahrplan kaum erkennbar, denn diese Abbildung zeigt nur einen kleinen zeitlichen Ausschnitt– der Gesamtfahrplan dieser Strecke umfasst jedoch 11 Seiten. Würde man alle Züge des Tages nach Linien sortieren, wäre der Taktfahrplan problemlos erkennbar.

So bleibt hier nur der Hinweis auf zwei Indizien: Bei der RB48 Köln Süd–Wuppertal fahren die Züge mit den Nummern 32508 und 32510 um 6.40 und 7.40 Uhr ab. Das könnte der Beginn eines Taktfahrplans sein. (In Wirklichkeit sind das nur Taktverstärker, wie der weitere Blick auf die folgenden Seiten des Kursbuchs verrät, doch das ist für uns nicht so wichtig.)

Im zweiten Beispiel fährt die RB26 zwischen Bonn und Köln im exakten Stundenabstand. Auf den nächsten Kursbuchseiten geht dieser Stundentakt dann weiter, wie es das Lehrbuch vorsieht.

Außerdem sind im Kursbuch die weiteren Eisenbahnstrecken verzeichnet, die auf die Kursbuchstrecke 470 zulaufen:

  • Neben dem Bahnhof Andernach steht die Zahl „478“: Das ist die Kursbuchstrecke 478 von Andernach nach Kaisersesch, die Pellenz-Eifel-Bahn. Es handelt sich um eine Stichstrecke, der dahinterliegende lange Rest der großen Eifelquerbahn ist stillgelegt. Auf der Kursbuchstrecke 478 verkehren Züge der Lahn-Eifel-Bahn, die in der Tabelle der Kursbuchstrecke 470 auch auftauchen, und zwar unter der Bezeichnung RB23.
  • Darunter folgt beim Bahnhof Brohl die Kursbuchstrecke 12426, die Brohltalbahn, auch unter „Vulkan-Express“ bekannt, eine spektakuläre, privat betriebene Schmalspurbahn mitten hinein in die Eifel.
  • Etwas weiter in Remagen mündet die Kursbuchstrecke 477, die Ahrtalbahn, ein. Das ist ebenfalls eine Strecke aus der Eifel, von der nur noch eine teils eingleisige Stichstrecke übrig ist, der Rest wurde stillgelegt, abgebaut und teils in einen Radweg umgewandelt. Züge der Kursbuchstrecke 477 sind unter der Bezeichnung RB30 auch in der Kursbuchstrecke 470 enthalten, denn sie werden bis Bonn durchgebunden.
  • In Bonn kommt die Kursbuchstrecke 475 hinzu, die 50 km lange Voreifelbahn und Erfttalbahn von Bad Münstereifel.
  • Und in Hürth-Kalscheuren zweigt die Eifelstrecke 474 nach Trier ab, die einzige durchgehende Bahnstrecke durch die Eifel.

Des Weiteren sehen Sie die Zahlen  ➅  und  ➆  neben einigen Bahnhofsnamen. Das ist die erforderliche Umsteigezeit in Minuten – in Umsteigebahnhöfen ohne Angabe beträgt die Umsteigezeit fünf Minuten.

Sie erkennen, welche unglaubliche Fülle an Informationen ein Kursbuch birgt – in Wirklichkeit sind es noch viel mehr, doch es soll erst einmal genügen.

 

Anmerkungen

[i]         Vollständige Erläuterungen zu allen Zeichen und Abkürzungen im Kursbuch: Kurzlink-URL https://t1p.de/5iqd+ (Stand 24.3.2024).

[iii]        Wenn ein Zug über die jeweils dargestellte Kursbuchstrecke hinausfährt, ist dieses Ziel der besseren Orientierung wegen in der untersten Tabellenzeile dargestellt.

[iv]        Die Kursbuchstrecken können Sie unter URL https://t1p.de/mwsj+ (Stand 24.3.2024) herausfinden.

[v]         In der Bahnauskunft (Stand 20.2.2020) die Verbindung Wien–Düsseldorf eingeben, bei den erweiterten Optionen „Direktverbindung“, als Reisetag einen Sonntag auswählen und in der Detailansicht der Ergebnisse auf die Zugnummer klicken – das ist der Fahrplan des NJ 40490. Genauso verfahren Sie mit dem NJ 420 Innsbruck–Düsseldorf. Beim Vergleich der beiden Fahrpläne wird deutlich, dass die beiden Züge ab Nürnberg den gleichen Fahrtweg und im Bahnhof Nürnberg Hbf einen außergewöhnlich langen Aufenthalt haben. Dort findet die Vereinigung dieser beiden Zugteile statt.

[vi]        Eigentlich gibt es ja keinen direkt ersichtlichen Grund dafür, oder? Denn Platz nach unten wäre noch genug. Lösung: die Kursbuchtabelle unter http://kursbuch.bahn.de (Stand 20.2.2020) abrufen und etwas genauer betrachten. Der NJ wird unterwegs von einem schnelleren Zug überholt. Wo die Überholung allerdings stattfindet, geht daraus nicht hervor.

[vii]       Der Abschnitt zwischen Hürth und Remagen ist eine von DB InfraGO AG als offiziell überlastet erklärte Strecke, für die besondere Anordnungen gelten.

Eine Kursbuchdarstellung der Linken Rheinstrecke, Streckennummer 470 (Fahrplanjahr 2019).
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