Auf dem alten Bahndamm

Auf dem alten Bahndamm

Schon der letzte Teil der Bahnfahrt fühlt sich anders an als sonst: Langsam rollt der Zug, ein kurzer Dieseltriebwagen, mit einer knappen Handvoll an Fahrgästen auf der eingleisigen Strecke durch eine sehr spärlich besiedelte Landschaft. An jedem Bahnübergang ertönt ein Pfeifsignal, an einem bleibt er sogar stehen als wäre es eine Straßenkreuzung mit Rechts vor Links. Hier aber lässt das dieselbrummende Eisenbahnfahrzeug den Traktor mit Anhänger, der dort wartet, nicht passieren, sondern fährt mit einem weiteren Pfiff zuerst wieder los, beschleunigt verhalten, schaltet einen Gang höher, und zuckelt auf der etwas holperigen Strecke weiter. Im nächsten Bahnhof endet deine Zugfahrt, du steigst mit deinem Fahrrad aus dem Zug und siehst dich um.

Hier enden die Gleise, deutlich markiert durch einen Prellbock. Um dich herum erstreckt sich eine größere, birkenbestandene ebene Fläche, vermutlich befand sich hier das frühere Bahngelände. Die zugehörige Stadt liegt abseits und etwas tiefer, nur wenige Häuser sind in Sicht. Das frühere Bahnhofs-gebäude ist durch einen Zaun vom Gleis getrennt, es wurde zu einem Wohnhaus umfunktioniert und hat mit dem Bahnbetrieb nichts mehr zu tun.

Der heutige Bahnsteig hingegen ist modern gestaltet, funktional nüchtern, mit einem Warte­häuschen aus Glas, zwei Sitzen, einem Abfallbehälter, einer Vitrine mit Fahrplanaushang. Der Text auf einer neu wirkenden Hinweistafel mit etlichen Fotos und Karten beschreibt die Geschichte dieser Bahnstrecke. Sie wurde Ende des vorletzten Jahrhunderts erbaut und der Betrieb vor fast 50 Jahren ab diesem Bahnhof mangels Nachfrage eingestellt. Wo früher die Gleise lagen befindet sich nun ein Bahntrassenradweg.

Und tatsächlich beginnt der neue Radweg, dem du nun folgen willst, nur wenige Meter hinter dem Ende der Schienen. Du prüfst dein Gepäck, schaust dich noch einmal um zum Zug, den der Lokführer jetzt für seine Fahrt zurück vorbereitet, steigst dann auf dein Rad und fährst los, auf dem alten Bahndamm.

Das Fahrgefühl auf diesem Radweg unterscheidet sich deutlich von dem anderer Radwege, die du schon kennst: Das ist keine Radstrecke am Rande einer dicht befahrenen Straße. Sie führt auch nicht im unerwarteten Zickzack durch Wohngebiete, auch scheint es keine heftigen Steigungen oder Passagen auf ausgefahrenen Feldwegen zu geben. Ebenso wenig befindest du dich im Zentrum pulsierenden Lebens, musst weder auf Glasscherben achten noch dich ständig neu orientieren.

Ja, das hier fühlt sich völlig anders an! Du fährst einfach immer geradeaus, die langgezogene Kurven sind kaum zu erkennen und Abzweigungen fehlen völlig. Die Strecke verläuft über längere Zeit hochwassersicher am Talrand sanft bergan, kleinere Seitentäler gleicht der Bahndamm aus, der teilweise richtig hoch aufgeschüttet ist. An anderen Stellen führt dieser Radweg auch über größere Brücken aus Stein, die für die schwere Bahn gebaut wurden. Sie stehen vielleicht schon seit Eröffnung der Strecke da und erscheinen so robust, als könnten Sie auch die nächsten Jahrzehnte noch problemlos den Radfahrern mühsame Umwege ersparen.

Es ist fast niemand unterwegs, nur hin und wieder begegnest du einem anderen Radfahrer oder einer Spaziergängerin. Du gewinnst Gefallen an diesem Weg, der dich durch die Zeit führt, denn mit jedem Meter spürst du auch, wie lange es her ist, dass hier Betrieb war und dass diese ehemalige Bahnstrecke eine wichtige Verbindung für die Menschen hier darstellte.

Du erkennst es an den alt und sehr stabil wirkenden Geländern aus Eisen, an dem Bahnschotter links und rechts des geteerten Weges, an den Kilometersteinen, die bis heute zuverlässig die Entfernung zum Ende der Strecke anzeigen. Auch stehen am Rande öfters Bau-werke wie einstige Laderampen, kleine Stellwerke oder die schweren Mauersteine früherer Bahnsteige. Birken und Weiden wachsen dazwischen aus den Fugen, einige der früheren Bahnhöfe sind auch in Baustoff-lager umfunktioniert worden oder verfallen. An manchen Gartenzäunen hängen Schilder aus der Bahn-zeit und in etlichen Vorgärten stehen alte Signale oder liegt ein Stück Schiene als Grundstücksbegrenzung.

Und irgendwann, du kannst gar nicht sagen wie lange du schon unterwegs bist, führt die Bahnstrecke in eine Kleinstadt, mitten durch die Gärten hinter den Häusern. Schließlich bekommt der Radweg mehr Platz, hier war wohl früher der Bahnhof, heute liebevoll umgestaltet zu einem Ort der Erinnerung und der Begegnung. Ein paar Bänke stehen vor dem liebevoll renovierten und offenbar bewohnten Bahnhofsgebäude, an dem in altertümlicher Schrift die Höhenlage und die Kilometerangabe angeschrieben steht. Es ist mit Efeu bewachsen und Blumenkästen mit rotblühenden Geranien und ihren sattgrünen Blättern hängen an einer früheren Absperrung. Außerdem entdeckst du eine kleine Gastronomie mit einem sehr ansprechend und einladend gestalteten Außenbereich. Du stellst dein Rad ab und kehrst dort ein, findest im Freien in der Sonne einen gemütlichen Platz und lässt deinen Blick schweifen.

Einige Gäste, Radfahrer mit guter Laune, unter­halten sich angeregt am Nachbartisch. Eine schwarz-rot lackierte Dampflok aus der früheren Zeit ist am Rande aufgestellt, am Gebäude hängt das frühere Bahnhofsschild mit schwarzer Schrift auf weißem Grund, daneben steht ein rot-weißes Signal, das auf „Fahrt“ gestellt ist. An der Bushaltestelle vor dem früheren Bahnhof stehen zwei wartende Fahrgäste, ein Schreibwarengeschäft mit angeschlossener Post der auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes hat geöffnet, hin und wieder fährt ein Auto oder ein Fahrrad vorbei. All das mutet heimatlich an, atmet Vergangenheit und Lebendigkeit gleichzeitig, auch scheinen die Menschen hier auf bestimmte Weise weiterhin mit ihrer Bahn verbunden zu sein.

Du bestellst ein Getränk, kommst ins Gespräch mit dem Wirt, genießt deine Pause an diesem angenehmen Ort, du spürst die Zeit der Bahn und das, was sich nun weiter entwickelt, und freust dich, wie harmonisch dieser Ort wirkt.

Später brichst du dann ausgeruht wieder auf, und hinter den letzten Häusern beginnt die Bahntrasse am Talrand an Höhe zu gewinnen. Sie verläuft manchmal durch tiefe Einschnitte mit steilen Böschungen, nach einiger Zeit wird die Aussicht auf das Tal immer besser, dann biegt die Strecke in ein Seitental ab. Mit weiterhin gleichmäßiger Steigung geht es im dichten Wald nun bergan. An manchen Stellen sichern Stützmauern die Bahntrasse, an anderen ist sie direkt in die Felsen gelegt worden. Neben dir rauscht und plätschert ein kleiner Bach, und dort steht auch eine sonnenbeschienene Bank, wo du eine Pause einlegst.

Glasklares Wasser tropft in einem steingefassten, moosigen Bett die Böschung hinunter, fließt unter dem alten Bahndamm hindurch und dann in den Bach. Du lauschst dem lebendigen Wasser, dem Rascheln der Blätter, du hörst die Vögel singen und merkst, wie weit du von allem weg bist und fühlst dich trotzdem mittendrin.

Anschließend geht es noch etwas bergauf, dann wird das Seitental weiter und flacher und der Bach wandelt sich an seiner Quelle zu einem kleinen Sumpfgebiet am Hang. Hier weitet sich nun der Horizont. Wiesen und Äcker liegen vor dir in einer Hügellandschaft, unterteilt von einzelnen größeren Bäumen und langen Hecken. Eine kleine, unbefahrene Straße quert den Bahndamm, der strauch- und baumgesäumt mitten durch diese abwechslungsreiche Gegend verläuft, schnurgerade fast bis zum Horizont. In einiger Entfernung von der Trasse liegen immer wieder einzelne Gehöfte und kleine Ansiedlungen.

Am blauen Himmel schweben zwei große Milane, von Aufwinden ohne weiteren Flügelschlag in Kreisen nach oben getragen, in Richtung der weißen Sommerwolken, die mit dir ziehen. Leicht lässt es sich hier fahren, das Fahrrad rollt ruhig und fast von alleine, der Fahrtwind kühlt genau im richtigen Maße wie die Sonne wärmt. Und deine Gedanken haben allen Raum und jede Zeit, es fühlt sich so vollkommen an, unbeschwert, lebendig, einfach und frei.

Als du nach ein paar Kilometern bergab in die Kleinstadt kommst, von der aus wieder eine Bahn fährt, kommt es dir vor, als wärest du ganz weit, so ewig lange weg gewesen, wie nach einem besonders schönen, ausgedehnten Urlaub.

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