Der unbekannte Bahnhof

Der unbekannte Bahnhof

Auf einer einsamen Bahnstrecke fährt dein Zug durch das Mittelgebirge, links und rechts Bäume, bewaldete Berge, Seitentäler, ein Bach, ein paar Felsen, kleine und unbefahrene Straßen queren die Schienen. Laut Fahrplan endet deine Fahrt in ein paar Minuten, die Bahn hat dich zum Umsteigen hierhergeschickt, in eine dir unbekannte Gegend, zu einem Bahnhof, von dem du nie zuvor gehört hast.

Du fährst in einer Kurve über ein langes, hohes Viadukt, das offenbar schon ziemlich alt ist, von links und rechts biegen nun zwei weitere Bahnstrecken ein, und schließlich liegen mehrere Gleise nebeneinander. Als dein Zug langsamer wird und in deinen Umsteigebahnhof einfährt, hast du das Gefühl, an einem großen, bedeutsamen Knotenpunkt mit vielleicht zwanzig Gleisen zu sein. Aber der Bahnhof liegt mitten im Wald, der zugehörige Ort wirkt unverhältnismäßig klein, wenige Straßen, ein paar Dutzend Häuser, das wars schon.

Du hast viel Zeit, dein Anschluss geht erst in einer Stunde. Du nutzt diesen Aufenthalt, um dich zu bewegen, zu orientieren und etwas über diesen erstaunlichen Bahnhof mit seinen zahlreichen Bahn-steigen zu erfahren, in den nun nacheinander mehrere, in unterschiedlichen Farben und Mustern lackierte Züge aus den verschiedensten Richtungen einfahren.

Menschen steigen ein und aus, die meisten wechseln von einem Zug in den nächsten, es ist in diesem Waldbahnhof ziemlich belebt. Ein paar Fahrgäste sind offenbar in dieser Gegend zu Hause und lassen sich mit dem Auto abholen oder fahren mit einem Bus weiter. Manche sind mit dem Fahrrad hier angekommen und orientieren sich, es sind vermutlich Feriengäste auf der Suche nach ihrem Radweg. Andere Reisende ziehen sich ihre Fahrkarten aus Automaten oder Koffer hinter sich her. Einige Wanderer mit leichten Tagesrucksäcken gehen zielstrebig los und verschwinden auf einem gut ausgeschilderten und markierten Fußweg, der auf der anderen Seite des Bahnhofs bergan führt.

Nach wenigen Minuten wird es ruhiger, ein paar Nachzügler suchen eilig ihre Züge, die Türen schließen sich und ein Zug nach dem anderen verlässt diesen Knotenpunkt, bis ganz zum Schluss noch ein Bus brummend vom Vorplatz abfährt und alles wieder ganz ruhig und still wird.

Das Bahnhofsgebäude ist liebevoll renoviert mit roten Geranien an den Fenstern und blau-gelben Blumen in großen Tontöpfen davor, einer gemütlichen Pizzeria im Inneren und Sitzmöglichkeiten unter einer großen Linde im Hof. Am Bahnhof ist ein Schild mit der Höhenangabe angebracht, außerdem hängt dort ein altertümlicher Wegweiser und eine Hinweistafel, dass hier die ersten Züge schon vor über 170 Jahren fuhren und fünf Eisenbahnstrecken zusammenkommen. Der zugehörige Ort ist eine typische Eisenbahnersiedlung und der Bahnhof ist besonders für die umsteigenden Reisenden und aufgrund seiner zentralen Lage im Mittelgebirge auch für Feriengäste und Ausflügler bedeutsam.

Vor dem Bahnhof gehen Radwege und Wanderwege in alle Richtungen ab, ein imposanter Schilderwald in den unterschiedlichsten Farben und mit zahlreichen Symbolen weist den Weg zu jedem erdenklichen Ziel in der näheren Umgebung, hin zu Orten, von denen du allesamt nie gehört hast. Mit einer Ausnahme: ein Felsen trägt einen Namen, der dir undeutlich bekannt vorkommt, du kannst dich nicht genau erinnern, aber dieser Name rührt etwas in dir an. Ein Gefühl wird dir bewusst von einer interessanten, aufregenden Zeit, als du noch klein warst, damals, in der Grundschule.

Bilder steigen in dir auf: du in einer Gruppe Gleichaltriger im Wald unterwegs, ein hoher Felsen zwischen den Bäumen, Verstecken spielen, eine gute Freundin, leckerer Nachtisch beim gemeinsamen Essen, eine Nachtwanderung. Nun erinnerst du dich klarer und kannst es mit diesem Felsen verbinden. Es war dein Aufenthalt hier zum Abschluss der Grundschule, du warst damals zusammen mit deiner Klasse 4c auch in einem Zug angereist und hast gemeinsam mit den anderen eine richtig gute Zeit in dieser Gegend verbracht, bevor die Wege und Lebensläufe auseinandergingen.

Nun haben dich der Fahrplan und deine Erkundungsfreude zu dieser fast verlorenen Erinnerung zurückgebracht und du beschließt für dich, wieder an deine Träume und das Lebensgefühl von damals anzuknüpfen und zu schauen, was sich Neues daraus ergebe.

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