Die andere Bahnstrecke

Die andere Bahnstrecke

Mehrmals im Jahr fährst du für Freundes- und Verwandtschaftsbesuche eine längere Strecke mit der Bahn durch halb Deutschland: zum Hauptbahnhof mit der S-Bahn, dann weiter mit dem schnellen ICE, der unterwegs nur jede Stunde mal hält und einen großen Teil der Strecke hinter Lärmschutzwänden, Mauern oder in Tunnels fährt. Für deine nächste Fahrt möchtest du es einmal anders machen, du willst mehr sehen und erleben, die Perspektive ändern, langsamer durch dir unbekannte Landschaften fahren und dir dafür viel Zeit nehmen.

Du suchst dir eine Route quer und direkt durchs Mittelgebirge mit Nahverkehrszügen heraus, sie dauert ein paar Stunden länger, führt aber durch Orte, von denen du entweder noch nie gehört hast oder wo du immer schon einmal hinfahren wolltest.

Am Tage deiner Reise bist du gespannt, was dir alles begegnen wird, denn so etwas hast du seit Jahren nicht mehr unternommen. Es fühlt sich ein bisschen so an wie der Aufbruch zu einem Abenteuer, wie das In-die-Ferien-Fahren in deiner Kindheit. Der Anfang ist noch wie immer: ein paar Stationen mit der S-Bahn, anschließend umsteigen in den ICE, und dann kommt das Neue direkt auf dich zu: Du steigst bereits im übernächsten Hauptbahnhof aus, den du bisher immer nur von der Durchreise her erlebt hast. Das fühlt sich merkwürdig an, aber nun wird es interessant, denn hier steigst du in einen Nahverkehrszug um, der offenbar von einem etwas abgelegenen Ort im Bahnhof abfährt, zumindest ist die Gleisnummer dreistellig. Du hast genug Zeit eingeplant, kannst in aller Ruhe das Gleis suchen, und tatsächlich ist es ein ordentlicher Fußweg dorthin bis zum Rande des Bahnhofs, an der Fahrradabstellanlage und einem Betriebsgebäude vorbei, wo hinter einem Prellbock ein mit auffälligen Farben und Mustern lackierter, modern erscheinender Zug wartet. Ein paar Leute stehen draußen, die Lokführerin unterhält sich durchs Fenster mit einem Fahrgast, ein anderer Mitarbeiter ist jemandem beim Einsteigen behilflich.

Dein Zugziel steht angeschrieben und du steigst in das Fahrzeug, es wirkt einladend mit seinen breiten Flügeltüren und dem Zugang ohne Stufen, mit den großen Fensterscheiben und freundlichen Farben im Inneren. Du gehst durch den geräumigen Fahrradbereich, bist überrascht, dass dir so viel freie Plätze zur Verfügung stehen und wählst eine etwas erhöhte Vierergruppe aus, in der es sich gut sitzen und reisen lässt.

Bald nachdem du es dir bequem gemacht hast wirft die Lokführerin den Diesel an, ratternd und brummend erwacht das Fahrzeug zum Leben. Die restlichen Fahrgäste steigen ein, die Türen schließen sich, begleitet von einem Warnsignal, und der Zug setzt sich langsam in Bewegung und rollt bedächtig aus dem Bahnhof hinaus.

Als erstes zweigt deine Bahnstrecke in einer scharfen Kurve von der ICE-Strecke ab. Dir war gar nicht klar, dass hier Gleise mitten durch die Stadt führen, und bereits nach wenigen Metern erkennst du nichts mehr wieder, es fühlt sich schon jetzt an wie Neuland. Danach überquert dein Zug ratternd auf einer großen, metallenen Brücke den Strom, der zum fernen Meer hin fließt. Auf der anderen Seite fährst du nun in ein kleineres, tief eingeschnittenes Flusstal hinein. Du erinnerst dich, dass du vor vielen Jahren hier schon einmal gewesen bist, damals, auf deiner mehrtägigen Fahrt mit einem Paddelboot, gemeinsam mit Freunden, an die du gute Erinnerungen hast.

Trotzdem erkennst du nur wenig von deiner damaligen Bootstour wieder, denn der Zug ist fluss-aufwärts unterwegs, er ist auch viel schneller, und die Perspektive ist eine völlig andere als die vom Wasser aus. Aber du spürst den Charakter dieser wunderbaren Landschaft wieder, durch die sich dein Zug nun schlängelt: steile Berghänge, dichter und recht feuchter Laubwald auf der einen Seite, die der Sonne abgewandt ist. Auf der Sonnenseite hingegen steht nur spärlicher Baumbewuchs, dafür siehst du blühende Sträucher, dann und wann ein paar Schieferfelsen, teils erkennst du auch ein paar verfallene und brombeerbewachsene Weinbergsmauern. Etwas weiter unten fließt der Fluss, mal fast die ganze Breite des engen Tals einnehmend, mal mit schmalen Rändern ebenen Bodens. Am Fuße der Hänge liegen kleine Siedlungen und da und dort eine aufgegebene alte Industrieanlage. Bewachsene Abraumhalden deuten auf früheren Bergbau hin.

Die Strecke führt über viele Brücken und durch etliche Tunnel. Dein Zug kürzt die Mäanderschleifen ab und wechselt häufig die Seite, die parallele, kleine Straße hingegen kostet jede Flusswindung aus, gewinnt dann am Hang an Höhe und verschwindet für eine Zeitlang aus dem Tal und deinem Blickfeld.

Auch einige mittelalterliche, graue Burgen und Ruinen aus Schiefer stehen auf Bergvorsprüngen, Zeugen vergangener Zeiten, als es noch viel schwieriger und auch gefährlicher war, dieses Tal zu bereisen. Ganz im Gegensatz zu heute, wo du gemächlich, nach einem vorgearbeiteten Fahrplan von Bahnhof zu Bahnhof rollst, mühelos durch die Gegend gleitest, dabei alles entspannt an dir vorüberziehen lässt und deinen Gedanken freien Raum gibst.

Die Ansiedlungen in diesem abgelegenen Tal machen den Eindruck, als wäre die Zeit an ihnen vorbeigegangen, es ist dir nicht so richtig klar, wovon die Menschen hier leben. Von den Gästen, die sich hier im Sommer oder an Wochenenden erholen wollen, Radfahren, Wandern, mit dem Kanu den Fluss bereisen? Oder arbeiten sie teilweise in der nächsten, Luftlinie gar nicht so weit entfernten, aber mühsam zu erreichenden Großstadt?

Es steigen unterwegs nur wenig Menschen an den kleinen Bahnhöfen zu oder aus. Einige der Bahnsteige sind modernisiert, andere hingegen schmal und nicht mit Stein oder Teer befestigt, sondern mit feinem Schotter bedeckt. Gras und niedrige, rosafarben oder weiß blühende Kräuter wachsen dort, wo nur selten jemand steht und geht, Schmetterlinge und Insekten tummeln sich dort. Hier entstehen wieder ganz neue Lebensräume, deren Anblick dir Freude macht.

Unvermittelt weitet sich das Tal, die Berge weichen zurück und bald erreicht der Zug eine etwas größere Stadt. Es herrscht Gedränge auf dem Bahnsteig, es sind offenbar Schulkinder auf dem Heimweg. Der Zug füllt sich innerhalb kurzer Zeit mit Leben, alle Plätze sind plötzlich besetzt. Dir gegenüber sitzen jetzt zwei Freundinnen, die sich viel zu erzählen haben, etwas weiter werden in aller Eile Hausaufgaben gemacht. Andere beugen sich gemeinsam mit Freunden über ihre Smartphones, Rufe hallen quer über die Sitzreihen.

Nach und nach leert sich der Zug an den nächsten kleinen Bahnhöfen wieder, die Kinder toben und rennen, soweit es ihre großen Schulranzen zulassen, oder gehen in Gruppen oder einzeln nach Hause, einige ziehen ihr Schulgepäck sogar hinter sich her wie einen Rollkoffer. Das erinnert dich alles doch stark an deine eigene Schulzeit, damals gab es diese bunten Schulranzen, eckig, deutlich kleiner und vermutlich noch um einiges leichter als heute. Damals warst du noch ohne Smartphone unterwegs, doch mit Kartenspielen, Comics und Reden bestens beschäftigt.

Die Gegend wird jetzt flacher. Neben der Bahnstrecke verläuft eine parallele Straße, die schon wieder etwas dichter befahren ist. Und je näher die Kreisstadt kommt, in der du umsteigen willst, desto mehr füllt sich auch der Zug wieder, diesmal mit etwas älteren, gesetzteren Fahrgästen, die aus dem Fenster oder in ihr Mobilgerät schauen, mehrfach die Uhrzeit mit dem Fahrplan vergleichen und teils etwas ungeduldig auf die Ankunft warten. Manche unterhalten sich höchst angeregt über Themen, von denen du gar nicht wusstest, dass man darüber so lange und ausgiebig reden kann.

Schließlich biegt dein Zug langsam auf die Gleise der Hauptstrecke ein. Und mit der Einfahrt in den Hauptbahnhof geht diese deine Fahrt durch eine dir fast unbekannte Gegend zu Ende, die sich teils wie eine Zeitreise anfühlte.

Bereichert und beschenkt um neue, interessante Anregungen und Eindrücke steigst du wieder aus, auch hier an einem Bahnsteig, der nicht gerade im Zentrum des Bahnhofs liegt. Er ist so abgelegen, als wollten derartige Fahrten entdeckt werden, als befänden sie sich etwas jenseits der allgemeinen Wahrnehmung wie ein versteckter Schatz.

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