Mit der Tageskarte durch die Stadt

Mit der Tageskarte durch die Stadt

Für den heutigen Samstagvormittag hast du etwas Neues beschlossen: Mit den Öffentlichen durch die eigene Stadt fahren. Unabhängig von irgendwelchen Funktionsfahrten wie zum Einkaufen, zur Arbeit, zu Veranstaltungen oder Besichtigungen.

Und so gehst du an diesem Sommermorgen bei Sonnenschein aus dem Haus, mit kleinem Gepäck und etwas Geld für die Fahrkarte. An der U-Bahnstation löst du dir eine Tageskarte fürs Wochenende, damit du flexibel und überall fahren kannst.

Du wählst eine Linie aus, auf der du üblicherweise nicht unterwegs bist, und fährst zunächst ein paar Stationen auf einer Strecke, die ganz neu erbaut wurde. Die Bahnhöfe wirken modern und ansprechend auf dich mit ihrer völlig unterschiedlichen Gestaltung. Einer ist von der Beleuchtung her sehr auffällig inszeniert, ein anderer stellt einen Bezug zu Goethe her und an den Wänden stehen zahlreiche Zitate aus dessen Werken, der nächste ist mit unzähligen bunten Mosaiksteinen ausgekleidet. Und in dem Endbahnhof deiner U-Bahn stellen große Glaskuppeln die Verbindung zur Oberfläche her.

In diesem Bahnhof, der teils durch das einfallende Tageslicht erhellt wird, steigst du mit einigen anderen Fahrgästen aus. Laut Wegweiser gibt es an der Oberfläche eine Straßenbahnlinie und ein Monitor verrät dir, dass in 7 Minuten die nächste Tram stadtauswärts fährt. Gemächlich steigst du die Treppen nach oben, allmählich wird es heller, schließlich scheint auch die Sonne auf die letzten Treppenstufen, in deren Strahl du dann die Oberfläche erreichst.

Direkt dort befindet sich auch die Straßenbahnhaltestelle, sie liegt durch gläserne Absperrungen geschützt wie eine Verkehrsinsel, die große, um diese Zeit wenig befahrene Hauptstraße führt links und rechts um sie herum.

Schon nach kurzer Zeit kommt deine Straßenbahn, auch sie wirkt sehr modern, sicher, hell und offen. Es macht Spaß, dort einzusteigen und auf einem guten Fensterplatz zu sitzen und die Hauptstraße entlangzurollen. Dort fährst du werktags manchmal mit dem Auto und heute bist du in der schönen Situation, von den Vorrangschaltungen der Ampelanlagen zu profitieren: Der Straßenbahnfahrer überholt die wartenden Autos einfach, mühelos und fließend schnell. Und es fühlt sich für dich völlig richtig an – so macht es Spaß, mit den Öffentlichen unterwegs zu sein.

Nach ein paar Haltestellen endet die Strecke dann am Stadtrand an einem großen, modernen Umsteigeknotenpunkt mit Elektroauto-Carsharing, überdachten Fahrradabstellplätzen, einem Kiosk und etwas weiter hinten liegen etliche Park-and-Ride-Parkplätze für die Pendler. Direkt neben der Straßenbahn wartet schon ein Anschlussbus, der sich in Bewegung setzt, nachdem du mit einigen weiteren Fahrgästen eingestiegen bist. Hier ändert sich das Verhalten der Fahrgäste und der Fahrer: du befindest dich nun schon fast im ländlichen Raum, wo man sich beim Einsteigen begrüßt und beim Aussteigen verabschiedet.

Der Bus fährt durch ein paar der kleineren, ursprünglichen Dörfer rund um die große Stadt. Die Strecke führt auf kleinen Straßen mitten durch intensiv landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Hier werden auf weiten Flächen und in Gewächshäusern Gemüse und Blumen angebaut. Du erkennst lange Reihen junger grüner und rötlicher Salatpflanzen, dann die ersten Triebe von Lauch, Karotten und Kartoffeln. In einiger Entfernung befindet sich der Flughafen mit seinem hohen Tower. Das lange Flugfeld ist gut erkennbar, einige Flugzeuge sind an den Terminals abgestellt.

Bald erreicht der Bus einen kleinen Ort kurz vor der Endstation, und hier steigst du spontan mit einem Dankeschön und Auf Wiedersehen an den Busfahrer aus. Hier warst du noch nie, und aufmerksam schaust du dich um. Eine nicht allzu große Kirche steht hier, wie du sie noch nie gesehen hast. Sie ist aus roten Sandstein gebaut und steht versteckt hinter einer hohen Mauer. Du trittst näher und gelangst durch einen Torbogen ins Innere. Auf der Innenseite ist die Mauer begehbar, ähnlich wie bei einer mittelalterlichen Stadtmauer. Einen Teil des schmalen Raumes zwischen Kirche und Mauer nimmt ein offenbar uralter Friedhof ein. Die Grabplatten aus Sandstein sind verwittert und deren Inschriften kaum lesbar. Auf einer kannst du noch die Jahreszahl „1683“ erkennen.

Auf einer Tafel steht, dass die ursprüngliche Kirche eine Wehrkirche aus dem 14. Jahrhundert ist und seither mehrfach umgebaut wurde. Du fühlst du dich hier geborgen und wie in eine andere Zeit versetzt. Draußen ist weit weg, selbst die Geräusche von Straße und Flughafen erscheinen dir gedämpft. Zur friedlichen Atmosphäre tragen auch die schönen rotblühenden, alten Rosenstöcke und der rankende Blauregen bei, die an den Mauern emporwachsen und offenbar gut gepflegt werden.

Nach deinem kurzen Besuch verlässt du diesen erstaunlichen Ort wieder, an dem sich jetzt einige Gäste einfinden. Wie es aussieht, soll hier in der Kirche später noch eine Hochzeit stattfinden.

Draußen wartest du an der Bushaltestelle und fährst mit der nächsten Verbindung wieder zurück Richtung Stadt. Jetzt ist es schon belebter, etliche Menschen sind mit dir unterwegs zur Stadtmitte. Offenbar wollen die meisten Einkaufen fahren, andere sind wohl auf dem Weg zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen – das lassen jedenfalls ihre Gepäckstücke vermuten.

Du beschließt, deinen Ausflug für heute mit einer Busfahrt mitten durch die Altstadt zu beenden. Hier fährst du normalerweise nur mit dem Fahrrad oder gehst zu Fuß. Die Busperspektive ist eine ganz andere. Es geht hier nur langsam voran, zahlreiche Menschen steigen aus und zu, die Straßen sind schmal und die Kurven eng. Das gibt dir Zeit, in aller Ruhe das Geschehen zu betrachten.

Eine Gruppe von Besuchern steht um einen historischen Brunnen herum und lauscht den Erläuterungen einer mittelalterlich gekleideten Stadtführerin. Du erhaschst einen Blick auf den Marktplatz, wo zahlreiche Menschen ihren Einkäufen nachgehen. Hier wird das Gemüse verkauft, das am Stadtrand angebaut wird, wo du vorher mit dem Bus entlanggefahren bist.

Etliche Passanten strömen in die Fußgängerzone, die Läden sind jetzt alle geöffnet. Dir fällt ein wuchtiges, imposantes Gebäude mit Säulen und Verzierungen auf, an dem du bislang immer nur vorbeigefahren bist, ohne es genauer zu betrachten. Auf einem offiziell aussehenden Schild erkennst du das Stadtwappen und es interessiert dich schon, was sich dahinter alles verbirgt und welche Geschichte es hat. Du wirst es später zu Hause nachsehen.

Noch ein paar Haltestellen weiter, schon in der Nähe deiner Wohnung, fällt dein Blick auf einen öffentlichen Platz, auf dem eine größere Zahl merkwürdiger Pflanzenkübel steht. Neugierig geworden steigst du an der nächsten Haltestelle aus und gehst dorthin zurück. Beim genaueren Hinsehen sind es Hochbeete aus Europaletten, in denen allerhand Gemüsepflanzen und Kräuter wachsen. Ein Schild erläutert, dass es sich um ein Modellprojekt der Stadt handelt. Hier soll der Bevölkerung nahe gebracht werden, welche Möglichkeiten es gibt, auch ohne eigenen Garten mitten in der Stadt Nutzpflanzen anzubauen. Auch sollen interessierte Menschen die Pflanzen im Original sehen, von denen sie ansonsten nur die Früchte im Supermarkt einkaufen.

Um einige Entdeckungen reicher kehrst du am Ende dieses Vormittags zurück. Du bist erstaunt und glücklich, so viele interessante neue Eindrücke und Anregungen gewonnen zu haben, und das in einer Stadt, in der du schon viele Jahre lang lebst und alles zu kennen glaubtest.

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