Bahnsteighöhe und Einstiegshöhe

Bahnsteige sind unterschiedlich hoch: in der Regel 38, 55, 76 oder 96 cm über der Schienenoberkante. Auch Züge haben sehr unterschiedliche Einstiegshöhen, manche Zugtypen, insbesondere im Fernverkehr, verfügen über mehrere Stufen zum Einsteigen. Sie haben möglicherweise schon selbst erlebt, dass ein Bahnsteig so niedrig ist, dass etliche Stufen zu überwinden waren und dass es vielleicht sogar Mühe bereitete, in den Zug zu gelangen. Früher war das zwar auch schon ein Problem, wurde aber kaum thematisiert. Erst heute, in Zeiten der Barrierefreiheit, Personallosigkeit an den meisten Bahnhöfen und der kurzen Aufenthaltszeiten am Bahnsteig, wird dieser Faktor entscheidend für Pünktlichkeit, Anzahl der benötigten Fahrzeuge und den Zugang zum System überhaupt.

Spannend ist also, wie groß der Abstand zwischen Bahnsteig und Zug ist. Das hängt von drei Faktoren ab: der Bahnsteighöhe, der Zugbreite und der Höhe des Einstiegs im Türbereich.

  • Im Idealfall sind Bahnsteig und Türbereich auf der gleichen Höhe und es gibt zusätzlich am Zug ein ausfahrbares Trittbrett. Dann kommen Sie völlig ohne Stufen in den Zug. Das hat auch den Vorteil, dass der Fahrgastwechsel am Bahnhof deutlich schneller funktioniert als mit Stufen.
  • Gegebenenfalls befinden sich beide auf der gleichen Höhe, aber es gibt kein Trittbrett. Dann liegt zwischen Zug und Bahnsteig ein Spalt von einigen Zentimeter Breite. Zu Fuß oder mit Kinderwagen zumeist noch gut machbar, doch bereits ein Hindernis für viele Rollstühle.
  • Häufiger liegen – zusätzlich zum Spalt – noch einige wenige bis 20 Zentimeter als Stufe dazwischen. Auch das können zumindest Nicht-Mobilitätseingeschränkte noch gut schaffen, wenn auch etwas langsamer. Für Mobilitätseingeschränkte hingegen bedeutet dies schon eine echte Herausforderung.
  • Viel schwieriger wird es, wenn es in der Zugtür zusätzlich zum Höhenunterschied noch eine bis drei Stufen zu bewältigen gilt. Dann lassen sich Gepäckstücke nur noch mühsam bewältigen und mobilitätseingeschränkte Menschen sind zwingend auf Hilfe angewiesen: sei es, dass man ihnen die Hand reicht, um die Sicherheit zu gewährleisten, sei es, dass eine zweite Person hilft, einen Kinderwagen oder Gepäck hinaus- oder hineinzutragen oder dass Rollstuhlfahrer einen Hublift anfordern. Diese Situation treffen Sie bei den ICE-Zügen an und ebenso bei etlichen älteren Dieselfahrzeugen.

Vielleicht wundern Sie sich, weshalb das nicht besser gelöst ist. Letztlich gibt es zwar gesetzliche Vorgaben in Bezug auf die Bahnsteighöhe, jedoch gab es zwischen West- und Ostdeutschland unterschiedliche Entwicklungen, ferner wurden unterschiedliche Strategien für S-Bahnsteige und Regionalverkehr verfolgt, aber auch zum Teil unterschiedliche Fahrzeugstrategien im gleichen Netz. Zudem ist erst in den letzten Jahrzehnten eine echte Sensibilisierung in Hinblick auf die Barrierefreiheit erfolgt. So existieren nun in Deutschland die vier genannten Bahnsteighöhen, die alle mehr oder minder für eine kleine Ewigkeit gebaut wurden. Hinzu kommt erschwerend, dass oft verschiedene Fahrzeugtypen an einem Bahnsteig halten, deren Einstiegshöhen unterschiedlich ausfallen. Man behilft sich, indem für die Züge ausfahrbare Trittstufen, Klapprampen oder Hublifte gefordert werden. Oder indem ein Teil des Bahnsteigs eine andere Höhe aufweist als der andere.

All das sind immerhin Lösungsansätze, auf der anderen Seite jedoch störanfällige Hilfskonstruktionen, die kommunikationsintensiv, personal- und zeitaufwendig und weit entfernt sind von einer einfachen und durchgängigen Lösung.

Die unterschiedlichen Bahnsteighöhen werden in Deutschland noch auf Jahrzehnte hin Realität bleiben, denn bis heute ist nicht absehbar, dass sich eine einheitliche Höhe deutschlandweit durchsetzt. Immerhin gibt es etliche Strecken, Gebiete oder Netze, in denen Bahnsteighöhe und Fahrzeuge harmonieren.

Eine optimale Einstiegssituation: Bahnsteig und Einstiegsbereich in den Zug sind gleich hoch und der Spalt zwischen Bahnsteig und Türe wird durch ein Trittbrett überbrückt.
Ein niedriger, unebener Bahnsteig, eine schmale Trittstufe und zwei Stufen ins Fahrzeug – das Gegenteil von barrierefrei. Glücklicherweise werden solche Einstiegssituationen durch die Ausbauprogramme der Bahnhöfe immer seltener. Auch dieser Bahnsteig in Sinzig (Rhein) ist inzwischen barrierefrei umgebaut worden.
Nach oben scrollen