Die Aussagekraft von Bahnhofsnamen

Jeder Bahnhof verfügt über einen eindeutigen Bahnhofsnamen, den es nur einmal in Deutschland gibt. Es ist möglich, diese Bahnhofsnamen in verschiedene Typen einzuteilen:

  • Sehr häufig ist der Bahnhof nach der Stadt oder dem Stadtteil benannt, in der er steht.
  • Manchmal teilen sich zwei (früher) eigenständige Gemeinden einen Bahnhof – oft erkennbar an Doppelnamen wie Vierkirchen-Esterhofen, Seefeld-Hechendorf, Oy-Mittelberg, Hohenstein-Ernstthal und Ribnitz-Damgarten. In solchen Fällen ist nicht von vorneherein klar, in welchem der beiden Orte der Bahnhof liegt.
  • In touristischen Regionen kann ein Bahnhof nach einer Sehenswürdigkeit benannt sein. Dies dient einerseits der Orientierung, andererseits der Werbung. Beispiele dafür sind Wasserburg (Bodensee), Bernau a Chiemsee, Kurort Altenberg (Erzgebirge), Singen Landesgartenschau, Potsdam Park Sanssouci, Mainz Römisches Theater, Rückersbacher Schlucht oder Ostseebad Binz. Es geht sogar noch direkter: Die Bahnhofsbezeichnungen von Tegernsee und Schliersee sind identisch mit den Gemeindenamen und dem jeweiligen See.
  • Manche Bahnhöfe erhalten (oft geografische) Zusätze, um sie von ansonsten gleichlautenden Bahnhöfen abzugrenzen: Landsberg (b. Halle/Saale) – Landsberg (Lech); Neuburg (Rhein) – Neuburg (Kammel) – Neuburg (Donau); Neustadt (Dosse) – Neustadt (Orla).
  • Auch Landschafts- oder Flussbezeichnungen sind häufig mit dem Bahnhofsnamen verbunden, um die Orientierung zu verbessern: Camburg (Saale), Finsterwalde (Niederlausitz), Lübbenau (Spreewald), Boizenburg (Elbe), Sinzig (Rhein), Kreuzberg (Ahr).
  • Firmennamen können ebenfalls zu Bahnhofsbezeichnungen werden: Hinter den Bahnhöfen Dormagen-Chempark, Frankfurt-Höchst Farbwerke, Rüsselsheim Opelwerk, Ingolstadt Audi und Ludwigshafen (Rhein) BASF Süd, Mitte und Nord stehen Sie unmittelbar am Werkstor.
  • Dann gibt es noch viele Bahnhofsnamen, die einen Namenszusatz oder eine Abkürzung beinhalten. Diese erschließen sich nicht immer sofort, dienen aber ebenfalls der zumindest bahninternen Differenzierung. Manche Zusätze hingegen sind nicht unbedingt wichtig, so gibt es beispielsweise nur einen Bahnhof Krumbach, dennoch wird er „Krumbach (Schwaben)“ genannt. Im Falle von „Saarburg (Bz Trier)“ könnte eine Verwechslung stattfinden mit dem Bahnhof Saarburg/Sarrebourg in Frankreich, deswegen trägt der deutsche Bahnhof den historisch anmutenden Zusatz „Bezirk Trier“. Schwieriger wird es bei „Northeim (Han)“ oder Reichenbach (Vogtl) ob Bf, hier können Sie nur aus dem Zusammenhang mit Ihrer Fahrt erschließen, dass Northeim bei Hannover gemeint ist bzw. der Obere Bahnhof von Reichenbach im Vogtland. Die Bezeichnung „Oberer Bahnhof“ deutet darauf hin, dass es auch „Reichenbach (Vogtl) unt Bf“ geben könnte. Doch das täuscht: Hier war bis 1974 ein Bahnhof, heute ist er stillgelegt wie auch die zugehörige Bahnstrecke. Was aber recht häufig vorkommt, ist die Abkürzung „b“ für „bei“: beispielsweise Eilsleben (b Magdeburg), Güsen (b Genthin) oder Neuses (b Kronach).

Und nun ein paar konkrete Beispiele. Geben Bahnhofsnamen eine ausreichende Orientierung oder wecken sie vielleicht auch falsche Erwartungen?

Koblenz: Angenommen, Sie wollen dort in die Fußgängerzone in der Altstadt. Wenn Sie in Koblenz Hbf aussteigen, sind Sie noch gut 15 – 20 Minuten zu Fuß von Ihrem Ziel entfernt. Um die Erschließung der City zu verbessern, wurde ein neuer Bahnhof „Koblenz-Stadtmitte“ gebaut. Dieser Bahnhof trägt seinen Namen zu Recht, denn ganz in der Nähe beginnt die City mit der Fußgängerzone. Nicht-Einheimische verwechseln allerdings nicht selten KO-Hauptbahnhof mit KO-Stadtmitte.

In Bonn ist das ganz anders: Dort liegt der Hauptbahnhof praktischerweise exakt am Rande der Altstadt. So sieht eine optimale Erschließung der City durch einen Hauptbahnhof aus.

Weißkirchen/Steinbach: Wer dort aussteigt, sollte schon vorher wissen, wie er oder sie weiterkommt. Denn dieser Bahnhof befindet sich am Rande eines Gewerbegebiets in der Mitte zwischen den drei Gemeinden Weißkirchen, Steinbach und Stierstadt. Es gilt ein beträchtliches Stück Weg über die Felder zurückzulegen, bevor man in wirklich bewohntes Gebiet gelangt.

Weißkirchen/Steinbach ist ein Beispiel für einen Bahnhof, wo die Eisenbahnlinie ungünstig zu den Siedlungen und Städten in der Nähe verläuft. Derartige ziemlich abgelegene Bahnhöfe sind leider keine Einzelfälle. Einige weitere Beispiele: Die Bahnhöfe von Weiding in Bayern, Frauenhain und Zabeltitz in Sachsen liegen mitten auf dem offenen Feld, der Ort Fridolfing liegt vom gleichnamigen Bahnhof rund 3 km entfernt, der Bahnhof Katzhütte in Thüringen gute 2 km.

Ein Beispiel für eine irreführende Bezeichnungen ist der Bahnhofsname „München-Siemenswerke“, der früher völlig passend war. Mittlerweile ist die Firma zum großen Teil umgezogen, aber der Bahnhof hat seinen Namen behalten.

Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Eine Gemeinde wird hervorragend durch zwei Bahnhöfe erschlossen, doch der Gemeindename findet sich nicht in der Bahnhofsbezeichnung: Wer in die Gemeinde Oberhaching will, wird einen gleichnamigen Bahnhof vergebens suchen. Trotz bester Anbindung mit zwei S-Bahnlinien gilt es im Bahnhof „Deisenhofen“ oder „Furth“ auszusteigen, zwei Ortsteilen von Oberhaching.

Ein schönes Beispiel, wo die Bahnhofsbezeichnung ausgesprochen gut passt, ist „Norddeich Mole“. Dieser Bahnhof liegt mitten im Hafen, direkt neben den Schiffen. Hier macht schon die Bezeichnung neugierig, und der Blick auf die entsprechende Karte mag dann durchaus Reiselust wecken.

Nun noch ein paar Worte zu den Bahnhofsnamen großer Städte. In der Regel wird in überregionalen Medien der Name der zugehörigen Stadt an den Anfang gestellt: „München Marienplatz“, „Berlin Alexanderplatz“, „Hamburg Reeperbahn“. Doch vor Ort im Bahnhof oder in der Fahrplanauskunft des jeweiligen Verkehrsverbundes finden Sie dann oft nur die verkürzten Bezeichnungen „Marienplatz“, „Alexanderplatz“ und „Reeperbahn“.

Die Bezeichnung „Ostbahnhof“ ist ein Beispiel, wie Verwechslungen entstehen könnten: Vor Ort kennt den Ostbahnhof jeder, doch überregional betrachtet gibt es alleine in Deutschland mindestens sieben verschiedene Ostbahnhöfe: in Nürnberg, Frankfurt (Main), Berlin, Mayen, Hildesheim, Offenbach und in München, wobei in München folgende verschiedene Schreibweisen zu finden sind: München Ost, München Ostbahnhof und nur Ostbahnhof.

Bahnhöfe an der Grenze großer Städte gehören möglicherweise gefühlt noch zur Großstadt, bilden aber in der Realität eine eigene Gemeinde. Beispiel: Auf „München Feldmoching“ folgt stadtauswärts direkt „Oberschleißheim“, denn Feldmoching gehört noch zur Stadt München, wohingegen Oberschleißheim bereits außerhalb liegt und eine eigenständige Gemeinde ist (und somit eben nicht „München-Oberschleißheim“ heißt). Wenn man sich nicht auskennt, kann die (Nicht-)Zugehörigkeit zu einer Stadt zu Schwierigkeiten führen.

Bahnhofsnamen können sich übrigens auch ändern. Das ist jedoch nur selten der Fall, weil dies mit hohen Kosten verbunden ist und den Fahrgästen die Orientierung zumindest über eine längere Übergangszeit deutlich erschwert. Beispielsweise wurde Nannhofen in Mammendorf umbenannt, Liblar in Erftstadt, Göschwitz (Saale) in Jena-Göschwitz oder Osnabrück-Hasetor in Osnabrück Altstadt.

Zusammenfassend geben Bahnhofsnamen häufig eine ordentliche Orientierung, wo sie geografisch liegen. Doch kann man davon leider nicht immer valide ableiten, wie nah sich der Bahnhof an dem jeweils entsprechend bezeichneten Ort befindet. Zu sehr spielen bei der Benennung historische Gründe eine Rolle, oder auch nur der nachvollziehbare Wunsch, einen Bahnanschluss vorweisen zu können.

Letztlich ist die Suche nach dem richtigen Bahnhof ähnlich wie beim Navi, wenn Sie zwischen fünf verschiedenen Orten namens Deisenhofen wählen müssen (PLZ 93333, 82051, 82281, 82041, 89420): Man braucht immer eine Vorstellung davon, wo es wirklich hingehen soll.

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