Die zulässige Höchstgeschwindigkeit

Nicht alle Bahntrassen sind für die gleichen Geschwindigkeiten ausgelegt, auch wenn die Schienen auf den ersten Blick identisch aussehen mögen. Je schneller und schwerer die Züge, desto höher sind die Anforderungen an die Qualität und Bauweise der Gleiskörper: Beispielsweise spielen die Art und der Abstand der Schwellen eine Rolle, das verwendete Material bei den Schienen und bei zweigleisigen Strecken der Abstand der Gleise. Das ist durchaus vergleichbar mit der Straße, wo es z. B. zwischen einer schmalen Gemeindestraße und einer Autobahn ganz unterschiedliche Standards gibt.

Je schneller die Züge, desto größer sind beispielsweise die Kurvenradien der Trasse: Mindestens 4000 m für Züge mit 300 km/h kommt zum Beispiel auf der Schnellfahrstrecke Ingolstadt–Nürnberg vor, können aber auch 100 m Radius auf langsamen Gebirgsstrecken betragen. Bei Hochgeschwindigkeitsstrecken wird noch ein weiterer Effekt eingesetzt – die Gleise liegen in Kurven unterschiedlich hoch. Bis zu 18 cm Höhendifferenz liegt zwischen den beiden parallelen Schienen, das ist der maximal zulässige Wert laut Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) § 6 (3). Kommt ein Zug in einer dermaßen überhöhten Kurve zum Halten, dann stehen Sie als Fahrgast im Zug auf einer schiefen Ebene und müssen sich schon beinahe festhalten.

Die Bahnstrecken besitzen unterschiedliche Geschwindigkeitsgrenzen. Wie auf der Straße ist jeder Meter ganz exakt reglementiert und keinesfalls kann ein Zug immer seine technisch mögliche Höchstleistung ausfahren. In Kurven, im Bahnhofsbereich, bei Steigungen, in Tunneln und an Abzweigungen gelten oft niedrigere Geschwindigkeitsgrenzen als auf freier Strecke.

Hochgeschwindigkeitsstrecken erlauben in Deutschland 200 km/h und aufwärts. Auf manchen Schnellfahrstrecken beträgt die zulässige Höchstgeschwindigkeit im Regelbetrieb 300 km/h, auf anderen nur 250 km/h oder 230 km/h. Das hängt von mehreren Faktoren ab: Je höher die Geschwindigkeit, desto gerader muss die Strecke angelegt werden, desto aufwendiger sind also die Kunstbauten wie Tunnel und Brücken, und desto höher die Investition. Auch der Energieverbrauch der Züge steigt exponentiell an. Nicht zuletzt muss die Strecke auch fahrplantechnisch in das Gesamtnetz passen – eine Zeitersparnis von 5 Minuten nützt wenig, wenn im folgenden Bahnhof dann die Anschlüsse alle schlechter erreicht werden. Aus diesen Gründen bleiben die 300 km/h in Deutschland die Ausnahme.

In Europa reichen die Streckenhöchstgeschwindigkeiten übrigens bis 350 km/h, die in Frankreich erreicht bzw. geplant sind. Dort ermöglicht das in weiten Teilen des Landes flachere Relief und die geringere Siedlungsdichte kostengünstigeres Bauen mit deutlich weniger  Brücken, Tunnel, Lärmschutzwänden oder Stützmauern.

S-Bahnstrecken sind oft für maximal 120 oder 140 km/h ausgelegt. Diese Geschwindigkeit wird jedoch nur an wenigen Stellen wirklich erreicht, weil die Haltestellenabstände zu gering sind.

Nebenbahnen mit engen Kurvenradien und nicht mit Schranken gesicherten Bahnübergängen haben häufig nur 100 km/h als zulässige Höchstgeschwindigkeit, und nicht selten auch weniger wie beispielsweise die Bahnstrecke Schaftlach – Tegernsee mit ihren 80 km/h.

Es gibt allerdings auch Strecken mit engen Kurvenradien, die mit Geschwindigkeiten von 160 km/h befahren werden. Das funktioniert mit Neigetechnikzügen, die sich in die Kurven legen. Dabei handelt es sich oft um nicht elektrifizierte und sehr kurvenreiche Strecken in den Tälern der Mittelgebirge, z. B. im nordbayerischen Raum, im Allgäu oder im Schwäbischen.

Wenn Sie die Kurven bei den Bahntrassen mit denen auf der Straße vergleichen, so sind die bei der Bahn eher so angelegt wie bei großzügig bemessenen Autobahnausfahrten: sanft, langgezogen und kaum spürbar. Enge Kurvenradien wie an einer Straßenkreuzung beim Rechtsabbiegen sind bahntechnisch unmöglich.

Bei Ihren Fahrten mit der Bahn wird Ihnen immer wieder auffallen, dass der Zug scheinbar oder tatsächlich ganz langsam fährt. Scheinbar deswegen, weil Sie die Geschwindigkeit im Zug systematisch unterschätzen, denn der Zug fährt wesentlich ruhiger als das Auto.

Und wenn der Zug tatsächlich sehr langsam fährt, hängt das in vielen Fällen mit Folgendem zusammen:

  • Er fährt auf einer Strecke, auf der die zulässige Höchstgeschwindigkeit einfach generell niedrig ist. Beispielsweise fährt ein ICE 1 auf der Mittelrheinstrecke an manchen Stellen ganz regulär nur mit 90 km/h, obwohl der Zug selbst eigentlich technisch über 280 km/h hergeben würde. Aber die engen Kurven, die engen Abstände zwischen den Gleisen und die häufigen Bahnhofsdurchfahrten lassen nicht mehr zu.
  • Aufgrund von Mängeln im Oberbau wurde eine Geschwindigkeitsreduzierung angeordnet. Im Bahnjargon spricht man von Langsamfahrstellen.
  • Möglicherweise hat der Zug aufgrund der aktuellen Betriebslage ein Tempolimit bekommen. Beispielsweise fährt dann ein langsamerer Zug voraus oder es wurde gemeldet, dass sich – unerlaubterweise – ein Mensch auf dem Gleis oder in Gleisnähe befindet.
  • Die Leit- und Sicherungstechnik gibt bei der Ausfahrt aus einem Bahnhof oder bei Wechsel des Gleises im Weichenbereich eine geringere Geschwindigkeit vor.
  • Wenn Lokführerinnen und Lokführer ausnahmsweise einen Dienst übernehmen müssen und keine Streckenkenntnis besitzen, ist nur eine deutlich verminderte Geschwindigkeit erlaubt. Dieser Fall kommt jedoch sehr selten vor.

Die Geschwindigkeit des Zuges ist also nicht von einer Laune des Personals abhängig. Lokführerinnen und Lokführer werden immer versuchen, den Fahrplan einzuhalten, und dieser Fahrplan orientiert sich fast immer an den zulässigen Höchstgeschwindigkeiten der Strecke und des Fahrzeugs.

Abzweigungen bei der Bahn verlaufen immer als Kurven, bei denen klare Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten. In diesem Beispiel im Bereich des Bahnhofs Kreuzstraße in Oberbayern zweigen die Strecken der S-Bahn München (eingleisig nach links oben führend, Höchstgeschwindigkeit 120 km/h) und die Mangfalltalbahn nach Rosenheim (nach rechts unten führend, in eine eingleisige Strecke mit 80 km/h – Begrenzung übergehend) voneinander ab.
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