Eingleisige Strecken, mehrgleisige Strecken

Das Nächste, was offenkundig ist, wenn Sie sich eine Eisenbahnstrecke ansehen, ist die Zahl der Gleise. Die meisten Eisenbahnstrecken verfügen über ein oder zwei Gleise. Bei zwei Gleisen gibt es ein Gleis für die eine Richtung und ein eigenes für die Gegenrichtung. Sie können sich das vorstellen wie bei einer zweispurigen Landstraße. Übrigens fahren die Züge in Deutschland genauso wie die Autos im Rechtsverkehr. Es gibt aber eine Besonderheit bei der Bahn im Gegensatz zur Straße: Je nach Signaltechnik können auch beide Gleise für die gleiche Richtung genutzt werden – das kommt jedoch in der Praxis eher selten vor und spielt hauptsächlich bei Baustellen und manchmal bei Überholungen eine Rolle.

Zweigleisige Bahnstrecken können sehr leistungsfähig sein und in Deutschland – je nach eingesetzter Signaltechnik – bis zu 30 Züge pro Richtung und Stunde ermöglichen. Das bedeutet, dass auf einem Gleis alle zwei Minuten ein Zug fährt, wie es bei der S-Bahn München auf der sogenannten Stammstrecke zwischen München Hackerbrücke und Ostbahnhof der Fall ist.

Auf eingleisigen Strecken hingegen nutzen die Züge in beiden Richtungen das gleiche Gleis. Auch hier gibt es eine Parallele zur Straße: Stellen Sie sich eine ganz enge, einspurige Straße auf dem Land oder im Gebirge vor, bei der es alle paar Hundert Meter eine Ausweichstelle gibt. Als Autofahrerin können Sie idealerweise sehen, ob ein anderes Auto entgegenkommt und dann die nächste Ausweichstelle nutzen – oder alternativ zur vorherigen zurücksetzen. So ähnlich ist es beim Zug, nur mit einem Unterschied: Fahrplan und Signaltechnik verhindern Zusammenstöße, und das Fahrpersonal kann die Ausweichstelle nicht nach dem Zufallsprinzip bestimmen.

Damit die Züge aneinander vorbeikommen, gibt es entweder „Begegnungsabschnitte“ oder „Kreuzungsbahnhöfe“. Ein Begegnungsabschnitt ist ein kurzer zweigleisiger Bereich, der oft einige Kilometer lang ist. Dort begegnen sich die Züge, anschließend fahren sie dann wieder auf ihrem eingleisigen Abschnitt weiter. Ein Kreuzungsbahnhof ist zweigleisig ausgebaut: Ein Zug fährt in den Bahnhof auf dem ersten Gleis ein und der entgegenkommende Zug fährt kurz danach (je nach Signaltechnik auch gleichzeitig) auf dem zweiten Gleis ein. Nach dem Aufenthalt am Bahnhof fahren dann beide Züge wieder auf eingleisiger Strecke weiter. Es gibt auch die Variante, dass nur ein Zug anhält und der zweite auf dem anderen Gleis durchfährt. Dies ist vom Fahrplan und der Signaltechnik abhängig.

Es gibt sehr lange eingleisige Strecken in Deutschland. Die Oldenburger Südbahn zwischen Oldenburg und Osnabrück mit über 100 km oder die rund 85 km zwischen Neu-Ulm und Kempten gehören dazu.

Eingleisige Strecken sind, wie Sie sich leicht vorstellen können, wenig leistungsfähig. Je mehr Begegnungsabschnitte und Kreuzungsbahnhöfe es gibt, desto größer die Flexibilität. Oft sind auf eingleisigen Strecken nur wenige Züge unterwegs, beispielsweise nur alle ein oder zwei Stunden je Richtung. Das bedeutet also ein bis zwei Züge pro Stunde. Allerdings gibt es eingleisige Strecken in S-Bahnnetzen, wo alle 20 Minuten in jede Richtung ein Zug fährt. Das bedeutet, dass alle 10 Minuten Fahrzeit ein Kreuzungsbahnhof existieren muss, sonst geht es nicht auf.[i] Aber viel mehr als diese sechs Züge pro Stunde geht kaum. Es ist auch klar, dass bei eingleisigen Strecken in der Praxis die Verspätung eine andere Bedeutung erhält als auf zweigleisigen Strecken: Denn wenn ein Zug aus welchen Gründen auch immer Verspätung haben sollte, bekommt ein Zug aus der Gegenrichtung auch Verspätung, da dieser an einem Kreuzungsbahnhof länger warten muss. Ausnahme: Wenn der Fahrplan sehr entspannt geplant ist und viele Pausen beinhaltet oder die zulässige Höchstgeschwindigkeit nicht ausreizt, dann gibt es zeitliche Puffer, um eine Verspätung abzufedern.

Selten gibt es in Deutschland drei, vier oder noch mehr Gleise nebeneinander. In der Regel ist dies nur in der Nähe von Ballungsräumen der Fall. Beispielsweise sind gute 50 km zwischen Augsburg und München vier- bis sechsgleisig ausgebaut, hier haben die S-Bahn, der Fern- und Regionalverkehr und zusätzlich noch der Güterverkehr jeweils eigene Gleise, sodass die unterschiedlichen Geschwindigkeiten dieser Züge kaum ein Hindernis darstellen.

Was die mehrspurigen Eisenbahnstrecken betrifft, so gibt es keinen ganz passenden Vergleich mit der Straße. Am ehesten wäre vielleicht eine vier- oder sechsspurige Autobahn vergleichbar, jedoch können Züge im Gegensatz zum Auto nicht einfach nach Belieben die Spur wechseln. Denn einen ICE oder einen Güterzug lässt man entweder gar nicht oder nur unter bestimmten einschränkenden Bedingungen auf Gleisen fahren, die normalerweise der S-Bahn vorbehalten sind.[ii]

 

Anmerkungen

[i]         Als Beispiel mag die auf den zentrumsfernen Außenabschnitten S7 Kreuzstraße – Wolfratshausen der Münchner S-Bahn gelten. Diese Linie verkehrt auf über 40 km Streckenlänge eingleisig.

[ii]        Zum Beispiel darf ein ICE nicht einfach mit 250 km/h an einem Bahnsteig vorbeifahren. Oder ein Güterzug passt möglicherweise gar nicht auf ein S-Bahngleis, weil die Abstände der beiden Gleise zu gering sind oder die Bahnsteighöhen ein Hindernis darstellen.

Hier ein Beispiel für eine eingleisige Strecke: So sehen viele Bahnstrecken im ländlichen Raum aus, wo in der Regel ein Stundentakt angeboten wird.
Eine zweigleisige Eisenbahnstrecke: typisch für stark befahrene Strecken, auf denen eine Linie beispielsweise alle 10 Minuten verkehrt oder – häufiger – mehrere Linien und ggf. auch verschiedene Zuggattungen verkehren. Zweigleisige Strecken sind oft elektrifiziert.
Nach oben scrollen