Motivation und Selbstverständnis

Häufig sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bahn sehr motiviert, ihre Arbeit richtig gut zu machen. Sie stehen voll hinter der Bahn als System und setzen sich bis über die Grenzen der Erschöpfung dafür ein, dass der Betrieb flüssig läuft und die Kundenwünsche erfüllt werden, dass bei Störungen möglichst schnell wieder in den Normalbetrieb zurückgekehrt werden kann. Den Wandel hin zu einem Dienstleistungsunternehmen gehen die meisten mit und engagieren sich außerordentlich. Viele sehen ihr Unternehmen, aber auch das Bahnsystem als Ganzes, als wichtigen Teil, um Mobilität umweltfreundlich und sicher zu gewährleisten. Ohne dieses Engagement und das umfassende Fachwissen würde die Bahn angesichts der geschilderten Komplexität des Systems nicht funktionieren.

Gleichzeitig ist das Personal – jetzt insbesondere bezogen auf die Deutsche Bahn – aber auch verunsichert, teilweise unzufrieden mit seinem Unternehmen und der Verkehrspolitik. Dies hängt mit dem großen Strukturwandel seit der Bahnreform zusammen:

  • extrem starker Abbau der Arbeitsplätze und Erhöhung der Produktivität um ein Vielfaches,
  • Rückzug aus der Fläche,
  • Qualitätsanspruch und Realität sind teils zu weit voneinander entfernt,
  • vehemente öffentliche Kritik verbunden mit einem starken Imageverlust,
  • Verlust des alten fundierten, bereichsübergreifenden Eisenbahnerwissens um die komplexen Zusammenhänge, bedingt durch den Generationenwechsel und veränderte Ausbildung,
  • Trennung der Bahn in Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen und Eisenbahn-Infrastruktur-Unternehmen unter Schaffung neuer, nicht immer stabil funktionierender Schnittstellen,
  • Einzug moderner, aber nicht immer ausreichend robuster Technik, Diskussion um Digitalisierung und autonomes Fahren unter gefühlter Vernachlässigung der Basisarbeit.
  • Unklarheit über die Rolle der Bahn in der Gesellschaft: gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen oder doch dem Gemeinwohl verpflichtet?

Auch vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass Arbeitsplätze unbesetzt bleiben, dass die Bahn nicht selten ein zwiespältiges Bild in der Öffentlichkeit abgibt und dass Streiks vorkommen und diese mit großer Vehemenz ausgetragen werden.

Damit diese Diskrepanz aufgelöst wird, sind verschiedene Maßnahmen nötig: sie reichen von einer klaren Perspektive für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bezug auf die Rolle der Bahn über Beseitigung der personellen Engpässe und einem neuen Selbstverständnis des Bahnpersonals bis hin zu vernünftigen Entgeltstrukturen für das operativ tätige Personal gerade in den teuren Ballungsräumen.

Eine zuverlässige und leistungsfähige Bahn, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen sein soll, kann nur dann entstehen, wenn neben vernünftigen gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen eine ausreichende Zahl gut ausgebildeter, kundenorientierter und selbstbewusster Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Verfügung steht, die die Wertschätzung und den Rückhalt ihrer Kunden und der Politik bei ihrer täglichen Arbeit spüren. Dabei ist klar: Kritik darf und muss sein – doch dass Bahnmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen und ein ganzes System öffentlich und pauschal abwertend dargestellt und teils auch lächerlich gemacht und bloßgestellt werden, wie es seit einigen Jahren in Mode gekommen ist, kann keine konstruktive Basis für eine erfolgreiche Verkehrswende sein.

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