Grenzen von Fahrplänen

Ein Fahrplan ist einerseits eine geniale Erfindung, er gibt eine möglichst gute Prognose ab, wie die Fahrt in zeitlicher Hinsicht verlaufen soll. Er ist ein Versprechen, aber auch in gewisser Weise das Abbild einer Hoffnung, dass alles planmäßig verläuft. Doch mindestens vier Faktoren sorgen dafür, dass Störeinflüsse größere Auswirkungen auf die Einhaltung des Fahrplans haben als vielleicht noch einige Jahrzehnte zuvor:

  • der Abbau aller scheinbar überflüssigen Weichen führt zum Verlust von Überhol- und Kreuzungsmöglichkeiten,
  • der dichtere Zugverkehr,
  • die oft sehr geringen Wendezeiten an Endbahnhöfen
  • und die engen Taktfahrpläne mit ihren Anschlüssen, wo jeder Zug mit jedem zusammenhängt und jeder verspätete Zug nach dem Schneeballprinzip mehrere andere negativ beeinflusst, die dann wiederum jeweils bei mehreren anderen Zügen Abweichungen vom Fahrplan verursachen.

Eine größere Störung im Netz an einer zentralen Stelle im Netz wirkt im schlimmsten Fall deutschlandweit, und alle sorgsam ausgearbeiteten Fahrpläne sind dann Makulatur – und das den ganzen Tag, unter Umständen sogar noch am nächsten Tag.

Ein Fahrplan hat im Idealfall so viele Spielräume, dass sich zumindest kleinere Störungen der Pünktlichkeit nicht gravierend auf diesen Zug oder auf andere auswirken. Wenn beispielsweise eine Reisegruppe an einer einzigen Türe einsteigen will und der Zug fünf Minuten Verspätung bekommt, kann er diese Zeit bei einem großzügig ausgelegten Fahrplan wieder einholen. Dann gibt es kaum Auswirkungen auf andere Züge oder auf Anschlüsse.

Großzügig geplant ist ein Fahrplan dann, wenn

  • die zulässigen Höchstgeschwindigkeiten nicht überall vollständig ausgereizt werden,
  • die Wendezeiten an den Endbahnhöfen einige Minuten mehr Puffer aufweisen als minimal erforderlich,
  • die Aufenthaltszeiten an den Bahnhöfen auch für die Hauptverkehrszeit ausreichend bemessen sind,
  • die Umsteigezeiten Spielräume aufweisen.

Sie sehen jedoch: All das kostet Zeit und auch mehr Fahrzeuge. Das erscheint im ersten Moment teurer und es mag auch durch die scheinbar längeren Reisezeiten unattraktiver wirken. Doch ist ein entspanntes Reisen mit guter Pünktlichkeit entsprechend dem Fahrplan sicherlich unterm Strich attraktiver. Dann kann man sich auf den Fahrplan wirklich verlassen und muss nicht ständig damit rechnen, deutlich später als das Fahrplanversprechen anzukommen.

Damit ein Fahrplan in der Realität eingehalten werden kann, muss letztlich alles funktionieren:

  • Die Planung muss seriös und realistisch erfolgen und nicht nach dem Prinzip Hoffnung.
  • Technische Störungen dürfen weder an den Fahrzeugen, noch an der Leit- und Sicherungstechnik, noch an den Weichen und Gleisen vorkommen.
  • Das Personal muss absolut exakt auf die Einhaltung des Fahrplans achten.
  • Die Fahrgäste müssen sich so verhalten, dass sie den Fahrplan nicht negativ beeinflussen.

Es gibt noch einen weiteren Faktor, der Fahrpläne und deren Einhaltung deutlich beeinflussen kann: Wie viele Menschen sind unterwegs? Also: Wie ist es um die Fahrgastnachfrage bestellt? Je mehr, desto schwieriger wird es, den Fahrplan in der Realität einzuhalten. Züge mit wenigen Fahrgästen sind wesentlich pünktlicher. Nun können Sie einwenden, dass der Faktor Fahrgastnachfrage nun wirklich keine Überraschung ist: Jedes Jahr ist Weihnachten, in jedem Jahr beginnen irgendwo in Deutschland die Sommerferien, und dass morgens zwischen 6 und 9 Uhr viel mehr Menschen fahren, ist ohnehin jedem klar. Auch Messetermine sind bekannt, ebenso das Oktoberfest in München. Das ist alles richtig. Dennoch gibt es viele Nachfragespitzen, die eben nicht bei Erstellung des Jahresfahrplans bekannt sind. Beispielsweise ob Bayern München in der Champions League im Finale in München spielt oder ob das Wetter am Wochenende in den Alpen als sonnig oder doch eher als gewittrig mit Hagel angekündigt ist.

Und ein weiterer Grund neben den außerplanmäßigen sind die regelmäßigen und somit eigentlich planbaren Nachfragespitzen. Der Taktfahrplan geht mit seinen festen Taktzeiten davon aus, dass immer die gleiche Nachfrage herrscht: gleich viel oder gleich wenig. Wenn die Zahl der Fahrgäste zu den Hauptverkehrszeiten größer ist, als es die eingeplanten Aufenthaltszeiten hergeben, dann kommt es zu systematischen Verspätungen. Wenn der Fahrplan darauf ausgelegt ist, immer das Maximum an möglichen Fahrgästen zu berücksichtigen, sind die Aufenthaltszeiten an den Bahnhöfen außerhalb der Hauptverkehrszeiten viel zu lange und der Zug kommt gefühlt nicht so richtig vom Fleck. In der Regel versucht man planerisch, einen guten Mittelweg zu beschreiten, dass die betriebliche Stabilität zur Hauptverkehrszeit gewahrt bleibt. Dennoch ist unverkennbar, dass genau zu den Hauptverkehrszeiten die Züge größere Verspätungen einfahren und das an sich perfekte System des ITF dann an seine Grenzen gerät.

Hier gerät jeder sorgsam ausgeklügelte Taktfahrplan an seine Grenzen: Oktoberfest in München – hier die Situation, wenn nur ein Zug am Bahnsteig ankommt.
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