Beispiel: Produktionsprogramm S-Bahn München

Anhand des folgenden Beispiels der S-Bahn München können Sie etwas tiefer in die Planung eintauchen. Dieser zum Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen DB Regio AG gehörige Verkehrsbetrieb erstellt unter anderem ein sogenanntes Produktionsprogramm.

Damit werden beispielsweise folgende Fragen beantwortet: Wann fährt welcher Zug von wo nach wo? Aus wie vielen Triebfahrzeugen besteht ein Zug in welchem Abschnitt? Wie viele Triebfahrzeuge werden benötigt? Wie viele Zugkilometer umfasst das Produktionsprogramm?

Werfen Sie einen Blick auf die Kopfzeile dieses Ausschnitts (Abbildung). Es geht um den Jahresfahrplan 2019 zwischen dem 31. März und dem 26. Oktober, und konkret um die Betriebstage Montag bis Donnerstag. Diese werden identisch geplant, ferner gibt es noch ein Produktionsprogramm nur für die Freitage, eines für die Samstage und eines für die Sonntage.

Hier wird bereits erkennbar, dass sich dieses Produktionsprogramm nicht unbedingt an die gängigen Zeiten des Jahresfahrplans hält, der ja immer von einem großen Fahrplanwechsel im Dezember zum nächsten geht. Hintergrund dafür ist der Ausflugsverkehr, der im Frühjahr, Sommer und Herbst eine andere Zugbildung voraussetzt als im Winter, d. h. es werden größere Kapazitäten auf bestimmten Linien bereitgestellt.

Der kleine Ausschnitt des Produktionsprogramms bezieht sich ferner nur auf die Linie S2 zwischen Petershausen und Erding. Diese Bahnhöfe werden mit MPE und MER abgekürzt, es handelt sich um die bahnbetrieblich eindeutige Bezeichnung aus dem Betriebsstellenverzeichnis. Dazwischen liegen Betriebsstellen wie MRMS (Röhrmoos), MOP (München Ostbahnhof) oder Markt Schwaben (MSB), in denen Züge beginnen oder enden können. Dort besteht auch die Möglichkeit, Züge zu verstärken oder zu schwächen – d. h. es werden je nach Bedarf Triebfahrzeuge angehängt oder abgekuppelt.

Den größten Raum nimmt nun die Darstellung der Zeit-Wegelinien ein. Links und rechts stehen die Uhrzeiten – der Betriebstag beginnt um 3 Uhr, der erste Zug fährt gegen halb 5, die Darstellung hier geht bis 9 Uhr.

Die diagonal verlaufenden Striche stellen einzelne Zugfahrten dar. An jeder Zugfahrt steht die eindeutige Zugnummer. Sie können nun den ersten Zug morgens um kurz nach halb fünf verfolgen, der rechts unter der Zugnummer 6214 in MER, also Erding, startet. Ganz rechts ist ein Punkt mit einem waagerechten Pfeil erkennbar: Der Zug kommt aus einer Abstellanlage und fährt als einteiliger Zug, d. h. es handelt sich um ein einziges Triebfahrzeug.

Der Zug fährt also los (der Strich verläuft schräg nach links unten) und kommt um kurz vor 5 Uhr nach Markt Schwaben (MSB), das 11 + 4 km entfernt liegt. Dort setzt sich der Strich einige Minuten später fort. Daraus kann man ablesen, dass der Zug in diesem Bahnhof einen Aufenthalt hat, doch der Grund dafür ist nicht direkt ersichtlich. Es kann sein, dass es sich um einen Verspätungspuffer handelt. Es kann auch sein, dass dort ein Regionalexpress überholt, was hier nicht dargestellt ist.

Weiter geht es nun nach MOP, zum Ostbahnhof von München. Dort geschieht nun etwas Spannendes: Aus der Abstellanlage kommen zwei weitere Zugteile (erkennbar an den zwei Punkten mit dem waagerechten Pfeil) und werden mit dem Zug 6214 vereinigt. Dieser Zug 6214 fährt dann als dreiteiliger Zug – d. h. es sind drei Triebfahrzeuge gekuppelt – weiter bis MPE, wo er kurz nach 6 Uhr ankommt.

Damit nicht genug: Es gibt eine Verbindung zu dem Zug 6225, der kurze Zeit später wieder als dreiteiliger Zug unter einer neuen Zugnummer zurückfährt. In dessen weiterem Verlauf erreicht dieser Zug gegen halb 8 Uhr Markt Schwaben (MSB), dort wird ein Zugteil abgekuppelt. Das ist erkennbar an dem schwarzen Punkt, der mit einem waagerechten Pfeil nach rechts gekennzeichnet ist. Zwei Zugteile stark fährt der 6225 dann weiter nach Erding (MER), wo er viel Zeit hat für die Zugwende. Als Zugnummer 6234 fährt dieser dann wieder zurück und bekommt in Markt Schwaben einen Zugteil angehängt. Damit können Sie die Betrachtung dieses Zugumlaufs beenden, der sich bis Ende des Tages fortsetzt.

Jetzt stellt sich die Frage, weshalb Zugteile an- und wieder abgehängt werden. Das hat hier zwei Gründe:

  1. Anpassung der Kapazitäten wegen der unterschiedlichen Nachfrage. In diesem Beispiel geht es in die Früh-Hauptverkehrszeit hinein. Die Züge sind deswegen ab etwa halb 6 Uhr zwei- oder dreiteilig.
  2. Zwischen Markt Schwaben und Erding sind die Bahnstiege zu kurz, als dass dort dreiteilige Züge fahren könnten. Deswegen werden in Markt Schwaben die Züge grundsätzlich von drei auf zwei Zugteile geschwächt, wenn sie weiter nach Erding fahren.

Außerdem werden folgende Zusammenhänge deutlich:

  • Zwischen Dachau (MDA) und Markt Schwaben (MSB) sind spätestens ab 6.30 Uhr deutlich mehr Züge unterwegs als zu früheren Zeiten und als in Petershausen oder Erding. Das hat einfach mit der Hauptverkehrszeit zu tun: Es fahren mehr und außerdem längere Züge. Des Weiteren liegt im Bereich ML (München-Laim) und MOP (Ostbahnhof) die City von München, wo das Ziel der meisten Fahrgäste liegt. Deswegen sind dort zusätzlich wesentlich größere Kapazitäten nötig als zwischen Petershausen und Dachau oder Erding und Markt Schwaben.
  • Der vorhin erwähnte kurze Aufenthalt in Markt Schwaben hat damit zu tun, dass dort Zugteile an- oder abgehängt werden. Es ist somit nur dann ein Fahrplanpuffer, wenn solche Änderungen der Zugbildung nicht stattfinden. Ansonsten ist das eine eher knapp bemessene Zeit für diese Aufgabe: Es stehen lediglich zwei oder drei Minuten Zeit zur Verfügung. Die zeitliche Dauer dieses Aufenthalts ist ganz unten dargestellt, bei MSB stehen dort 13 und 16 bzw. in der Gegenrichtung 43 und 45. Das sind die Taktminuten, die zwischen Ankunft und Abfahrt des Zuges liegen und in denen das Verstärken und Schwächen des Zuges stattfinden muss.
  • In Petershausen sind nur ganz kurze Wendezeiten vorgesehen: von Minute 27 auf 32. Das bedeutet, dass Lokführerinnen und Lokführer gerade mal fünf Minuten Zeit haben, um die Fahrtrichtung zu wechseln. Vielleicht steht dort eine zweite Lokführerin/ein zweiter Lokführer bereit, der den ankommenden Zug übernimmt. Dann ist so etwas gerade noch fahrbar, doch ein Puffer bei Verspätungen ist damit nicht verbunden.
  • Weshalb die Wendezeit in Petershausen so knapp geplant ist? Darüber kann man – und das ist nicht aus diesem Plan ablesbar – folgende Aussagen treffen: Einerseits muss die Linie S2 ab ML (München Laim) auf der Stammstrecke fahren, wo auf dem gleichen Gleis dann noch mehrere Linien der S-Bahn verkehren, in deren Taktsystem sich die S2 einpassen muss und die jeweils ihre eigenen betrieblich-infrastrukturellen Einschränkungen haben. In der Regel ist das Mischverkehr auf den Strecken, die S-Bahnen teilen sich ihre Gleise also mit Regionalzügen und Güterzügen. Das passiert übrigens dann auch in diesem Beispiel der S2: Zwischen München-Riem (MRI P) und Markt Schwaben fährt die S2 im Mischverkehr. Und zwei weitere Einschränkungen: Zwischen Markt Schwaben und Erding sind nicht nur die Bahnsteige zu kurz für dreiteilige Züge, sondern die Strecke ist lediglich eingleisig – es muss bei der Fahrplanung also auch der Kreuzungsbahnhof bedacht werden.

Somit bestehen zahlreiche betriebliche Abhängigkeiten, die alle bei der Planung einkalkuliert werden müssen. Das Endergebnis dieser Planung sehen Sie dann auf einem Blatt Papier abgedruckt. Alle weiteren Planungsaspekte sind in vorgelagerten Prozessen (konzeptionelle Fahrplanung) oder in nachgelagerten Schritten (z. B. Dienstplanung, Fahrzeugumlaufplanung) zu berücksichtigen.

Das Produktionsprogramm der S-Bahn München umfasst übrigens für alle Linien etwa 28 derartige Seiten wie aus unserem Beispiel – und das nur für die Betriebstage mo-do. Für die anderen Betriebstage gibt es vergleichbare Programme.

Wenn man sich vor Augen hält, wie viele Parameter in eine solche Planung einfließen, wird etwas klarer, weshalb hinter dem Bahnsystem ein so großer Apparat steckt, der manchmal etwas schwerfällig erscheint. Die Änderung eines einzigen Parameters hat immer auch Einfluss auf das Gesamtsystem.

Wer noch tiefer einsteigen will, findet im Internet etliche Beispiele, wie die Planung eines einzelnen Zuges vor sich geht. Beispielsweise unter der Kurzlink-URL https://t1p.de/5kwm+ (Stand 4.3.2024) wird anhand eines professionellen Planungssystems dargestellt, welche Schritte erforderlich sind, um lediglich einen einzigen Zug zu planen.

Das Produktionsprogramm der S-Bahn München: hier ein Ausschnitt der Linie S 2.
Gültig im Sommerfahrplan 2019, für die Betriebstage Montag bis Donnerstag.
Abbildung mit freundlicher Genehmigung von DB Regio AG, S-Bahn München.
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