Fahrgastrechte-Verordnung

Fahrgastrechte waren lange Zeit kein echtes Thema bei der Bahn. Man verwies darauf, dass die Fahrkarte zwar eine Beförderungspflicht mit sich bringt, doch mit welchem Zug genau, das blieb offen. Ein Zugausfall war zwar bedauerlich, aber nicht änderbar, und das Thema Verspätungen wurde als Mangel auch nicht wirklich ernst genommen.

Mit der Bahnreform erkannten die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen, dass sie sich um die Fahrgäste bemühen müssen. Es begann die Zeit der Kulanzregelungen „ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs“: Die Fahrgäste erhielten je nach Härte der Einschränkungen und ihrer rhetorischen Fähigkeiten ein Ticket als Entschädigung, manchmal auch einen Gutschein oder in seltenen Fällen Geld. Das war jedoch nicht standardisiert und somit von einem Sachbearbeiter zum nächsten unterschiedlich. Auch gingen die Unternehmen damit insgesamt sehr unterschiedlich um.

Vor diesem Hintergrund und der immer stärker werdenden Position der Verbraucherinnen und Verbraucher direkt und auch in den politischen Gremien generell ist verständlich, weshalb das Thema Fahrgastrechte dann auch gesetzlich verankert wurde: Es war einfach nicht mehr zeitgemäß, gar keine oder gefühlt willkürliche Regelungen zu haben, wenn Mängel bei der Fahrt auftraten.

Heute gibt es verbindliche Fahrgastrechte im Eisenbahnverkehr. Diese sind grundlegend in der Verordnung (EU) 2021/782 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 29. April 2021 über die Rechte und Pflichten der Fahrgäste im Eisenbahnverkehr (Neufassung)“ geregelt. In der EVO und in den Beförderungsbedingungen jedes Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmens bzw. der Verkehrsverbünde wird in der Regel auch darauf verwiesen.

Die Fahrgastrechte der Eisenbahn gelten wirklich nur für die Eisenbahn und nicht für den Flugverkehr, nicht für U-Bahnen, Straßenbahnen oder Busse.

Hier eine Auswahl an Regelungen mit Stand 2024:[iii]

  • Ab 60 Minuten Verspätung gegenüber der planmäßigen Verbindung hat der Fahrgast Anspruch auf Rückzahlung von 25 % des Fahrpreises. Bei 120 Minuten und mehr gibt es 50 % zurück. Die Entschädigungsgrenze liegt allerdings bei 4 Euro, d. h. darunter wird keine Entschädigung geleistet (Artikel 19).
  • Wenn vor Beginn der Reise bereits feststeht, dass eine Verspätung von über 60 Minuten Dauer am Ankunftsort zu erwarten ist, dann können Sie wählen, die Fahrt erst gar nicht anzutreten (und Geld zurück) oder unterwegs abzubrechen (und Geld teils zurück) oder zu einem anderen Zeitpunkt anzutreten (Artikel 18).
  • Unter bestimmten Bedingungen können Sie ab 20 Minuten Verspätung Ihre Reise in einem anderen Zug fortsetzen.
  • Ebenfalls ist eine Hotelübernachtung oder Taxifahrt unter bestimmten Bedingungen möglich (Artikel 20).
  • Für einige Fälle gelten die Fahrgastrechte nicht, u.a. „außerhalb des Eisenbahnbetriebs liegende, außergewöhnliche Umstände wie extreme Witterungsbedingungen“ (Artikel 19 (10)).
  • Für Zeitkarten, Deutschland- und Pauschaltickets gelten besondere Regelungen.

Insgesamt hat sich mit Einführung der Fahrgastrechte Ende 2009 die Situation für die Fahrgäste deutlich verbessert, weil die Fälle nun klar definiert sind. Die Methode, die Erstattungsansprüche zu erfassen und zu bearbeiten, hat sich im Laufe der Jahre ebenfalls deutlich vereinfacht, und die Bearbeitungszeiten sind mit einigen Tagen meistens recht kurz. Zusätzlich wirken im Hintergrund noch verschiedene Schlichtungsstellen mit, doch wird es in aller Regel nicht nötig sein, diese in Anspruch zu nehmen.

Die Fahrgastrechte werden laut Bundesnetzagentur (Marktuntersuchung Eisenbahn) auch rege in Anspruch genommen:

2016: 24,7 Mio. EUR

2018: 48 Mio. EUR

2020: 22 Mio. EUR (Einfluss Corona)

2022: 68 Mio. EUR.

Das ist inzwischen ein beachtlicher Einflussfaktor, den die Verkehrsunternehmen nicht auf die leichte Schulter nehmen.

 

Anmerkungen

[iii]   Kurz zusammengefasste Informationen unter https://soep-online.de/rechte-bahnreisen/. Auch die DB stellt die wichtigsten Regelungen übersichtlich dar. Den Originaltext der Verordnung können Sie bei tiefergehendem Interesse lesen, er ist mit 52 Seiten allerdings sehr ausführlich geraten.

Weitere, anwendungsbezogene Informationen zu den Fahrgastrechten dann in den Abschnitten „Fahren“ und „Unregelmäßigkeiten“.

Hier schon einmal zwei konkrete Tipps:

Um Ihren Anspruch geltend zu machen, ist es einfachsten, wenn Sie Ihren Fahrausweis online bzw. im DB Navigator gekauft haben. In diesem Fall wählen Sie unter „Vergangene Reisen“ die betreffende Reise aus und klicken auf den Button „Entschädigung beantragen“. Durch den weiteren, recht einfach gehaltenen Prozess führt Sie dann die Anwendung hindurch.

Ansonsten reichen Sie das Fahrgastrechte-Formular mitsamt den geforderten Belegen schriftlich und per Post ein.

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