Nicht bedarfsgerechte Ausschreibung

Angenommen, nach Inbetriebnahme eines Netzes mit neuen Fahrzeugen bei einer Regionalbahn beschweren sich die Fahrgäste massiv, dass die Sitze zu hart sind, dass die Abstände zwischen den Sitzen unzumutbar eng sind und dass es außerdem viel zu wenige Sitzplätze gibt. Wenn das Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen aber alle Vorgaben des Aufgabenträgers aus der Ausschreibung erfüllt hat, gibt es in diesem Fall zwei Möglichkeiten:

  1. Nichts tun und auf die Ausschreibung verweisen. Das mag zwar formal korrekt sein, wird jedoch in der Realität nicht helfen. Denn so ein Thema wird zuerst öffentlich und anschließend politisch. Schnell kommen nicht nur der örtliche Bürgermeister oder die Landrätin mit ins Spiel, sondern das geht sehr flott hinein in die Landespolitik und auf Vorstandsebene.
  2. Nachdem nichts tun auch im Sinne eines attraktiven Schienenpersonennahverkehrs keine echte Option ist, wird es darum gehen, Lösungen zu finden. Hier gibt es verschiedene Rahmenbedingungen und Wirkungen:
  • Neue Sitze beschaffen, sofern die Finanzierung regelbar ist.
  • Beim Sitzplatzabstand wird es schon interessanter, weil hier eventuell Auswirkungen auf die Zulassung des Fahrzeugs zu erwarten sind (Gewicht, Fluchtwege), ferner stimmt dann vielleicht das sitzplatzbezogene Beleuchtungskonzept nicht mehr oder die Lage der Abfalleimer ist verkehrt und es gibt keine alternativen Befestigungsmöglichkeiten.
  • Bei objektiv nachweisbaren Kapazitätsproblemen müsste eventuell ein zusätzliches Fahrzeug beschafft werden. Vielleicht auch mehrere, auf jeden Fall ist dies verbunden mit ungeplanten Kosten in Millionenhöhe. Vorausgesetzt, das Fahrzeug ist überhaupt noch beschaffbar. Denn im Bahnverkehr werden Baureihen nicht ewig lange gebaut, sondern hier gibt es lange Vorbestellzeiten und Optionen auf Fahrzeuge.
  • Wenn zusätzliche Fahrzeuge erhältlich sein sollten, dann ist die Frage zu stellen, ob ein Triebzug einfach verstärkt (z. B. von Drei- auf Vierfachtraktion) werden kann oder ob eine zusätzliche Zugfahrt einzulegen ist. Das ist abhängig von der Bahnsteiglänge und den technischen Möglichkeiten des Fahrzeugs bzw. von der Trassenverfügbarkeit.
  • Angenommen, es ist nicht möglich, das gleiche Fahrzeug zu beschaffen, dann müsste ein anderes eingesetzt werden. Dieses ist aber wahrscheinlich nicht kompatibel mit den anderen, sodass auch das Betriebskonzept zu ändern ist. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Ausbildung der Lokführerinnen und Lokführer, denn die müssen natürlich das andere Fahrzeug auch fahren können. Ebenfalls ist dann das Instandhaltungskonzept zu ändern, weil die Werkstatt nur auf die ursprüngliche Baureihe eingerichtet ist.

In Wirklichkeit sind die Abhängigkeiten noch zahlreicher und komplexer (beispielsweise gibt es auch rechtliche Rahmenbedingungen in Bezug auf die Ausschreibungsbedingungen) als dargestellt, aber Sie haben nun eine gewisse Vorstellung davon bekommen, wie stark die Wechselwirkungen sein können. Generell kann man sagen: Wenn eine Ausschreibung tiefgehend durchdacht, gut vorbereitet und umgesetzt wurde, dann wird es in diesem Netz auch gut bis sehr gut funktionieren und das entsprechende Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen wird eine gute Presse und ein gutes Image haben. Da macht dann auch den Fahrgästen die Reise Spaß und nach der Fahrt bleibt zumeist ein gutes Gefühl.

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