Finanzielle Aspekte

So wie die gesamte Bahn-Infrastruktur sind auch die Eisenbahnfahrzeuge sehr langlebig und gleichzeitig kostenintensiv. Die Anschaffung der Fahrzeuge ist ein Geschäft, das schnell dreistellige Millionenbeträge als Investitionen erfordert oder gar Milliardenhöhe erreicht – und das nicht deutschlandweit, sondern je Verkehrsunternehmen. Ein paar Beispiele mögen das verdeutlichen:

  • Die 41 ICE-Triebzüge der ersten Baureihe kosteten 1990 etwa 1,8 Mrd. DM.[i]
  • Die Modernisierung der ICE 1-Züge soll rund 320 Mio. Euro kosten und
  • für die 118 neuen ICE 4-Triebzüge investiert DB Fernverkehr AG rund 6 Mrd. Euro.[ii]

Bei den Nahverkehrszügen ist das Investitionsvolumen häufig nicht ganz so hoch wie im Fernverkehr, bewegt sich aber immer noch in einem Bereich, den längst nicht jedes Unternehmen stemmen kann. Wie schon erwähnt, können die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen im SPNV in Deutschland normalerweise nicht vollständig kostendeckend wirtschaften und sind deswegen auf sogenannte „Bestellerentgelte“ angewiesen. Hierbei handelt es sich um Zuwendungen der Aufgabenträger im Rahmen der Vergabe von Streckennetzen nach einer Ausschreibung.

Da die Investitionskosten so hoch ausfallen, sind einzelne Bundesländer dazu übergegangen, die Fahrzeuge auf eigene Rechnung anzuschaffen und die Fahrzeuge dann den Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen zur Verfügung zu stellen, die den Zuschlag erhalten haben. Hier zwei Beispiele:

  • Das Land Niedersachsen, vertreten durch den Aufgabenträger Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen mbH (LNVG), betreibt einen Fahrzeugpool, der 386 Eisenbahnfahrzeuge umfasst.[iii] Die Modernisierung von 88 Fahrzeugen soll 80 Mio. Euro kosten.[iv]
  • Das Land Berlin hat für die Ausschreibung der S-Bahn Berlin eine eigene Gesellschaft gegründet, die Landesanstalt Schienen­fahrzeuge Berlin (LSFB), die einen Fahrzeugpool aufbauen und die Instandhaltung organisieren soll. Die geplante Investition für die rund 1.300 Wagen liegt bei rund 2,8 bis 3,2 Euro.[v]

Und dort, wo kein Fahrzeugpool existiert, bewegen sich die Investitionen ebenfalls auf einem sehr hohen Niveau:

  • 56 Nahverkehrs-Triebzüge für das Augsburger Netz von Go Ahead kosten 400 Mio. Euro.
  • Die Ostdeutsche Eisenbahn-Gesellschaft (ODEG) zahlt für 23 Triebzüge etwa 300 Mio. Euro.
  • Die Modernisierung der mittlerweile 238 gut 10 bis 15 Jahre alten S-Bahnfahrzeuge der S-Bahn München soll rund 300 Mio. Euro kosten.[vi] Ziel ist es, diese weiterhin attraktiv und auf dem Stand der Technik und der Kundenwünsche zu halten.
  • 90 neue Fahrzeuge für die S-Bahn München, die Ende der 20er Jahre in Betrieb gehen sollen, kosten über 2 Mrd. Euro.
  • Die Anschaffung von 35 Fahrzeugen ET 442 (Bombardier Talent) für die Firma Abellio im Netz Saale-Thüringen-Südharz wird mit 175 Mio. Euro beziffert.[vii]
  • Die sechs neuen Züge der Firma Škoda, die als Regionalexpress zwischen Nürnberg und München fahren, kosteten 110 Mio. Euro.[viii]

Die enormen Investitionen haben ganz konkrete Folgen:

  • Eisenbahnfahrzeuge müssen eine möglichst lange Lebensdauer erreichen. Die Wagen mancher lokbespannten Züge sind teils nach 50 Jahren immer noch im Einsatz, auch wenn sie in der Zwischenzeit modernisiert wurden.
  • Eisenbahnfahrzeuge werden generell zuerst grundlegend modernisiert (Redesign) und möglichst spät komplett ersetzt.
  • Bahnfahrzeuge müssen eine möglichst hohe Laufleistung pro Tag und im Laufe ihres gesamten Einsatzes erzielen – die Fahrzeuge sind idealerweise ständig im Einsatz, mit Ausnahme der Zeiten, in denen Wartung und Reinigung stattfinden. Beispielsweise wurden die Triebzüge der S-Bahn München in den Jahren 2000 bis 2005 in Betrieb genommen und haben jeweils bis 2018 rund 3.000.000 km zurückgelegt.[ix] Und jeder der ICE 1-Triebzüge bringt es gar auf 500.000 km Laufleistung – pro Jahr. Seit ihrer Inbetriebnahme 1991 hat jeder einzelne dieser Hochgeschwindigkeitstriebzüge also bis 2018 rund 13 Mio. km zurückgelegt.
  • Eisenbahnfahrzeuge werden möglichst so eingeplant, dass sie nur geringe Rangier-, Aufenthalts- und Wendezeiten haben. Dadurch müssen nicht so viele Fahrzeuge beschafft werden und Aufgabenträger und Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen sparen sich Investitionen in Millionenhöhe. Das kann dann systematisch zulasten der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehen, wie bereits beschrieben.

Anmerkungen

[i]    Seite „ICE 1“. In: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Kurzlink-URL: https://t1p.de/5bko+ (Stand 7.3.2024).

[ii]    Deutsche Bahn AG (Hrsg.): DB investiert zusätzlich über eine Milliarde Euro in neue Züge. Pressemitteilung vom 27.9.2018.

[iii]   Seite „Fahrzeugpool“. Kurzlink-URL: https://t1p.de/r9v2+ (Stand 7.3.2024).

[iv]   LNVG (Hrsg.): Pressemitteilung vom 20.8.2018. URL: https://www.lnvg.de/fileadmin/news/2018-11-20.pdf (Stand 7.3.2024).

[v]    Land Berlin (Hrsg.): Seite „Berlin baut landeseigenen S-Bahn-Fahrzeugpool auf“. Pressemitteilung vom 6.11.2018. Kurzlink-URL: https://t1p.de/y803+ (Stand 19.2.2020, nicht mehr abrufbar). Ferner stehen Informationen in der Presse, auf der Seite des Verkehrsverbundes VBB und auf der Seite der LSFB. Zu den Kosten gibt es keine verlässlichen aktuelleren Informationen als die aus dem Jahre 2018.

[vi]   Seite „Erster modernisierter ET423 der Münchner S-Bahn vorgestellt“. Kurzlink-URL: https://t1p.de/owoh+ (Stand 7.3.2024).

[vii] Seite „Bombardier Talent 2“. In: Wikipedia. Die freie Enzyklopädie.
Kurzlink-URL: https://t1p.de/9nng+ (Stand 7.3.2024).

[viii] Seite „DB Regio schickt demnächst neue Züge auf die Strecke Nürnberg-München“. Kurzlink-URL: https://t1p.de/i969+ (Stand 7.3.2024).

[ix]   Seite „Erster modernisierter ET423 der Münchner S-Bahn vorgestellt“. Kurzlink-URL: https://t1p.de/owoh+ (Stand 7.3.2024).

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