Linien

Jeder kennt den Begriff der Buslinie, der U-Bahnlinie, der Straßenbahnlinie und auch der S-Bahnlinie. Weniger bekannt ist, dass es auch Linien bei den Regionalzügen und auch Fernverkehrszügen gibt.

Eine Linie bei der Bahn[i] hat folgende Merkmale:

  • Sie verbindet Bahnhöfe in einer definierten Reihenfolge miteinander.
  • Die Verbindung ist ein Taktverkehr, z. B. alle 10, 30, 60 oder 120 Minuten. Kleine Abweichungen sind in Ausnahmefällen denkbar, werden aber nach Möglichkeit vermieden.
  • Die durch die Bahn an dieser Linie angefahrenen Bahnhöfe sind immer die gleichen. Auch hier mag es kleine Ausnahmen geben, doch in aller Regel können sich die Fahrgäste darauf verlassen. Was aber häufig vorkommt, ist, dass beispielsweise nur jeder zweite Zug bis zum Endbahnhof der Linie fährt und die anderen fahren beispielsweise nur bis 3 Stationen vor dem Endbahnhof.
  • Sie hat eine eindeutige, kurze, gut merkbare Nummer (oft ein- oder zweistellig) oder, sehr selten, einen Buchstaben.

Die Linie ist ein Marketinginstrument, um den Fahrgästen die Orientierung zu erleichtern: Leicht merkbar und immer gleich – sie ist somit auch ein Qualitätsmerkmal. Wer beispielsweise täglich auf „seiner“ S-Bahnlinie S1 zwischen Wattenscheid-Höntrop und Dortmund-Universität pendelt, interessiert sich kaum für die Zugnummer oder recherchiert täglich seine Verbindung neu. Da ist nur wichtig, dass S1 am Zug steht, dass die Richtung stimmt und dass man die Abfahrtsminute und die Taktfrequenz kennt.

Oft werden bei Anreisehinweisen einfach nur die S-Bahnlinie und der Bahnhof angegeben, und dann weiß jede Kundin/jeder Kunde Bescheid, wie er/sie die Firma, das Amt, die Sehenswürdigkeit oder den Flughafen erreichen kann. Drei Beispiele für derartige Anreisehinweise:

  • „Vom Stuttgarter Hauptbahnhof – Teil des ICE-, EC- und IC-Netzes im Herzen der City – geht es mit der S-Bahn S2 oder S3 in Richtung Flughafen.“
  • Oder zum Rathaus von Berlin: „S-Bahn S+U Alexanderplatz: S5, S7, Regionalbahn Alexanderplatz: RE1, RE2, RE7, RB14.“
  • „Zum Barockgarten Großsedlitz kommen Sie mit der S2 Dresden Flughafen- Heidenau-Pirna bis zum Haltepunkt Heidenau-Großsedlitz.“

Im SPNV kommt der Linienbegriff zunehmend in Gebrauch und ist oft mit einer geografischen Bezeichnung verknüpft. So fährt zum Beispiel die Linie RE5 unter dem Namen „Rhein-Express“ zwischen Koblenz und Wesel oder die RE9 als Rhein-Sieg-Express (RSX) zwischen Aachen und Siegen (Fahrplanjahr 2019).

Was unterscheidet die Linie von einer Eisenbahnstrecke? Denn: Züge fahren schließlich auf beiden. Die Linie bezieht sich eher auf den Verkehr und kennzeichnet einen regelmäßigen Laufweg, bei der Eisenbahnstrecke hingegen stehen eher die Belange der Infrastruktur im Vordergrund. Die beiden Begriffe sind nicht unbedingt deckungsgleich. So kann eine Linie über mehrere Bahnstrecken führen. Die Beispiellinie des RE5 Koblenz–Wesel nutzt

  • zu Beginn einen Abschnitt der linken Rheinstrecke Koblenz–Köln,
  • anschließend die gesamte Eisenbahnstrecke Köln–Duisburg,
  • danach einen Abschnitt der Strecke Duisburg–Dortmund
  • und zum Schluss einen Teil der Eisenbahnstrecke Oberhausen–Arnhem.

Umgekehrt können über eine Eisenbahnstrecke mehrere Linien führen. Beispielsweise verkehren auf der Linken Rheinstrecke Bingen – Köln u.a. die RB 26, der RE 5, und die Fernverkehrslinien 32, 37 und 91 (Fahrplanjahr 2024).

Linien eignen sich hervorragend dazu, grafisch dargestellt zu werden. Sicher haben Sie schon einmal einen Liniennetzplan gesehen – jede Linie hat ihre Nummer und ihre Farbe.[v] Damit bekommen Sie eine gute Orientierung über den Verlauf der Linie, ihre Endbahnhöfe, welche Bahnhöfe bedient werden und wo Sie von der einen zur anderen Linie umsteigen können.

Netzpläne sind jedoch nicht allzu konstant. Sie können sich alle paar Jahre ändern, je nachdem, wie die Aufgabenträger ihre Linien oder auch Netze planen und ausschreiben oder wie die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen ihre Marketingaktivitäten durchführen oder wenn ein Netz einen komplett neuen Fahrplan bekommt. Es können neue Durchbindungen entstehen, Linien werden verlängert, verkürzt oder im Takt verändert. Es können neue Bahnhöfe gebaut werden oder Bahnhöfe neue Namen bekommen.

Liniennummern sind immer nur innerhalb einer Region eindeutig. Das ist an den S-Bahnliniennummern gut zu sehen. Die S8 beispielsweise gibt es (Fahrplan 2019) bei der S-Bahn München (Flughafen–Mammendorf) oder bei der S-Bahn Berlin (Zeuthen–Birkenwerder) und bei der S-Bahn Rhein-Ruhr (Hagen–Mönchengladbach). Weil sich diese Linien räumlich nicht überlagern, gibt es auch keine Probleme mit den identischen Bezeichnungen.

Häufig führen Linien von einer relativ großen Stadt zu einer anderen und binden dabei etliche kleinere Städte an. Beispiel: Die RB26 fährt von Mainz Hbf nach Köln Hbf, oder der RE7 zwischen Hamburg Hbf und Flensburg. Doch es gibt auch den umgekehrten Fall, den Sie in den großen S-Bahnsystemen oft sehen: Die meisten S-Bahnlinien beginnen und enden an verhältnismäßig kleinen Bahnhöfen und fahren unterwegs durch die City eines Oberzentrums und bedienen dort auch den Hauptbahnhof. Dabei handelt es sich um Durchmesserlinien, auch durchgebundene Linien genannt. Dazu einige Beispiele aus dem Fahrplan 2019:

  • Die S7 der Münchener S-Bahn führt von Wolfratshausen über München nach Kreuzstraße und bindet unterwegs Bahnhöfe wie München Hauptbahnhof, München Karlsplatz und Marienplatz in der Stadtmitte an.
  • Oder die Frankfurter S-Bahn, bei der die S2 von Niedernhausen (Taunus) über Frankfurt nach Dietzenbach fährt.
  • Leipziger S-Bahn: Hier fährt die S5 von Halle (Saale) Hbf nach Altenburg über Leipzig.

Sinn dieser durchgebundenen Linien: Sie ersparen das Umsteigen, was ein ganz wichtiges Qualitätskriterium für viele Reisende ist. Denn natürlich wollen nicht alle Fahrgäste nur zum Hauptbahnhof, sondern viele fahren auch darüber hinaus. Zusätzlich sparen Durchmesserlinien viel Platz: Es ist nicht möglich, im Hauptbahnhof München über 1000 S-Bahnzüge am Tag abzustellen oder wenden zu lassen. Stattdessen lässt man sie einfach nach einer Minute Halt weiterfahren.

Was nun ICE- und IC-Linien betrifft: Diese existieren zwar auf dem Papier, haben in der Praxis für den Fahrgast aber keine Bedeutung. Bei diesen Zügen sind die Zugnummern wichtiger, denn hier hängen alle Platzreservierungen und viele Fahrkarten mit bestimmten Zugnummern zusammen.

 

Anmerkungen

[i]    Beim Busverkehr ist das anders. Dort gibt es auch Linien, bei denen es nur eine Fahrt am Tag gibt, oder solche, bei denen sich die Fahrtstrecken deutlich unterscheiden.

[v]    Liniendarstellungen der Fern- und Regionalzüge: URL https://www.bahn.de/p/view/service/fahrplaene/streckennetz.shtml
(Stand 6.3.2024). Die Netzpläne der einzelnen S-Bahnen müssen Sie jedoch einzeln abrufen, beispielsweise über die Suche https://www.ecosia.org/images?q=s-bahn+netzplan
 (Stand 6.3.2024).

Liniennetzpläne können sehr voll sein mit Informationen – wie hier im Falle von Nordrhein-Westfalen (Quelle: Kompetenzcenter Integraler Taktfahrplan NRW 2022)
Hier ein Beispiel für einen übersichtlichen Liniennetzplan, wenn auf relativ großer Fläche wenig Strecken und Bahnhöfe liegen. (Quelle: DB Regio AG, Regio Nordost)
Und dann gibt es auch grafisch sehr innovativ aufbereitete Liniennetzpläne, wie hier das Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt. (Quelle: NVBW Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg mbH)

 

 

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