Nahverkehrszüge

Verkehrlich betrachtet ist der Nahverkehr auch ein Zu- und Abbringer zum und vom Fernverkehr, er übernimmt aber in erster Linie die Feinerschließung in und um Ballungsräume herum und die Erschließung abseits der Fernverkehrslinien. Eine weitere Funktion ist auch der Ersatz von früheren und eine Alternative zu bestehenden Fernverkehrslinien. Viele Nahverkehrszüge fahren heute über ausgesprochen weite Distanzen und legen dabei über 300 km zurück. Oft fahren die Züge des Schienenpersonennahverkehrs vertaktet, die Fahrgäste haben alle 10, 15, 20, 30 oder 40 Minuten (im S-Bahnverkehr) und alle 60 oder 120 Minuten (im Regionalverkehr) das gleiche Angebot.

Im Nahverkehr gibt es eine Vielzahl an Fahrzeugen, die sich in den meisten Fällen optisch voneinander unterscheiden, und darüber hinaus auch in Ausstattungsdetails und im Innendesign.

Außerdem gibt es Dutzende verschiedene Begriffe für die einzelnen Zuggattungen. Diese vermischen sich mit Firmennamen und Markenbezeichungen, teils auch mit den Bezeichnungen für die Bautypen der Fahrzeuge. Um die Sache noch komplizierter zu machen, werden teilweise im Nahverkehr frühere Fahrzeuge des Fernverkehrs verwendet. Letztlich ist es für Ihre Reise im Nahverkehr nicht wirklich wichtig, mit welchem Unternehmen Sie fahren oder wie die jeweilige Zugbezeichnung lautet. Das ganze Sammelsurium der Begriffe ist zumindest anfangs eher Ballast, solange Sie Ihre ersten Schritte bei der Bahn machen.

Vor der Bahnreform war der Nahverkehr der Bahn ein ungeliebtes Nebenprodukt: Schmutzig, unkomfortabel, veraltet und reparaturbedürftig präsentierten sich nicht wenige Züge und dementsprechend war deren Image. Auch wenn auch heute nicht alles immer funktioniert oder auf dem neuesten Stand der Technik und der Serviceorientierung ist, so hat sich das qualitative Niveau in den Nahverkehrszügen spätestens seit der Bahnreform 1994 insgesamt deutlich verbessert.

Die eingesetzten Fahrzeuge haben sich sehr erkennbar verjüngt. Die Fahrzeuge, die früher oder viel früher das Bild des Nahverkehrs geprägt haben (nämlich der „Silberling“ oder gar das „Ferkeltaxi“), sind abgesehen von Nostalgiefahrten der Museumsbahnen verschwunden. Auf vielen Strecken kommen inzwischen entweder ganz neue, ziemlich neue oder zumindest modernisierte Fahrzeuge in Einsatz. Wie auch bei den Fernverkehrsfahrzeugen sind alle Varianten vorhanden: vom lokbespannten Zug über Wendezüge mit Lok und Steuerwagen bis hin zu Triebzügen (einzeln oder in Mehrfachtraktion gekuppelt, auch in der Doppelstock-Version).

Klimatisierung ist bei praktisch allen Fahrzeugen im Nahverkehr nun Standard und Displays mit aussagekräftigen Echtzeit-Informationen, WLAN und Steckdosen verbreiten sich zunehmend. Im Regionalverkehr, teils auch in S-Bahnsystemen, gehören Toiletten zur Standardausstattung.

Abgesehen von einem Lokführer oder einer Lokführerin ist Personal in den Nahverkehrszügen nicht durchgängig vorhanden. Wie alle Qualitätsmerkmale im Schienenpersonennahverkehr hängt dies von der Ausschreibung ab: Wenn der Aufgabenträger Personal für alle Züge bestellt hat, wird dieses auch an Bord sein. Oft wird kein Personal gefordert, das definierten Zügen zugeordnet ist, stattdessen sind bestimmte Besetzungsquoten zu erbringen.

Folgende Merkmale des SPNV weichen vom Fernverkehr ab:

  • Sie dürfen den Zug in aller Regel nicht ohne Fahrkarte betreten. Alternativ gibt es auf manchen Linien im Zug Automaten. Nur in seltenen Fällen ist es möglich, im Zug seine Fahrkarte regulär beim Personal zu erwerben.
  • Die Höchstgeschwindigkeit der Nahverkehrszüge reicht zwar im Einzelfall bis an die 190 km/h heran (Nürnberg–Ingolstadt auf der Neubaustrecke), liegt aber in der Regel niedriger als die der Fernverkehrszüge. 140 bis 160 km/h kommen bei vielen Nahverkehrszügen an Maximum häufig vor.
    Dass es dennoch kürzere Streckenabschnitte gibt, auf denen Nah- und Fernverkehr fast identische Fahrzeiten erreichen, liegt daran, dass Nahverkehrszüge meistens schneller beschleunigen können und kürzere Aufenthaltszeiten am Bahnhof haben. Das ist beispielsweise zwischen München Hbf–München Ost oder Düsseldorf Hbf–Dortmund Hbf der Fall. Außerdem können Fernverkehrszüge oft ihre Höchstgeschwindigkeit nicht ausfahren, da die Infrastruktur für so hohe Geschwindigkeiten nicht zugelassen ist.
  • Sitzplätze sind im Nahverkehr nicht unbedingt Standard, auch wenn in der Regel außerhalb der Spitzenzeiten alle Fahrgäste völlig problemlos einen Platz finden. Insbesondere in S-Bahnsystemen setzen die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen darauf, möglichst viele Menschen möglichst schnell zu transportieren. Und das geht mit Stehplätzen besser als mit Sitzplätzen.
  • Reservierungen sind im Nahverkehr zumeist nicht möglich, nur in einzelnen Netzen und auf bestimmten Linien besteht für Stammkunden die Möglichkeit, einen Sitzplatz zu buchen.
  • Die Fahrzeuge im Schienenpersonennahverkehr haben oft sehr viel mehr und auch deutlich breitere Türen als die Fahrzeuge im Fernverkehr. Alles ist auf schnellen Fahrgastwechsel hin optimiert. Der ICE 3 beispielsweise hat lediglich 12 Türen, der nur unwesentlich längere ET 423 bei der S-Bahn in Dreifachtraktion hingegen hat 36 und bei doppelseitiger Öffnung an Zwillingsbahnsteigen sogar 72 Stück, die jeweils rund doppelt so breit ausfallen wie beim ICE 3.
  • Die Türen der Schienenpersonennahverkehr-Fahrzeuge öffnen manchmal komplett automatisch, insbesondere aber schließen sie häufig völlig automatisch.
  • Generell sind im Schienenpersonennahverkehr oft auch Doppelstockzüge unterwegs, um möglichst hohe Kapazitäten zur Verfügung zu stellen.
  • Auch Neigetechnikzüge sind auf mehreren Linien unterwegs, um Fahrzeiten mit vertretbaren Investitionen in die Infrastruktur zu verkürzen.

Im Nahverkehr gibt es vom Grundsatz her die folgenden Zuggattungen, die allerdings nicht immer auch so bezeichnet werden:

  • S-Bahnen sind in Ballungsräumen unterwegs und haben die größten Platzkapazitäten überhaupt. Die S-Bahn München beispielsweise kann pro Stunde auf einem Gleis maximal 54.000 Fahrgäste[vi] befördern – das ist die Einwohnerzahl von Baden-Baden, Schweinfurt oder Bad Homburg. S-Bahnen fahren immer auf klar definierten Linien und halten in den meisten Fällen an jedem Bahnhof. Es gibt seltene Ausnahmen bei Express-S-Bahnen: Beispielsweise lässt die S7 München Ostbahnhof nach Kreuzstraße bei drei Fahrten einige Halte aus, ebenso fährt die S2 von Nürnberg Hbf nach Feucht fünf Halte mehr an als die parallele Linie S3. Auch die S62 der Stuttgarter S-Bahn fährt an etlichen Bahnhöfen vorbei (jeweils Fahrplan 2024).
  • Regionalbahnen bedienen eher Nebenstrecken im ländlichen Raum und halten an allen oder zumindest fast allen Unterwegsbahnhöfen. Wenn sie in die Ballungsräume hineinfahren, dann bedienen sie dort deutlich weniger Bahnhöfe als die S-Bahnen und sind oft auch auf anderen Gleisen unterwegs. Anbieter ist oft die DB Regio AG, aber auch andere Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen bieten diese Gattung an, ggf. mit anderem Namen.
  • Der Regionalexpress (RE) und Interregio-Express (IRE) sind als die schnellsten Nahverkehrszüge ebenfalls häufig Produkte von DB Regio. Sie verkehren auch unter gleicher oder anderer Bezeichnung durch andere Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen und halten in aller Regel nur an einigen Bahnhöfen unterwegs an.

Hinter diesen vier genannten Zuggattungen verbergen sich nun so viele verschiedene Fahrzeugtypen und Baureihen, dass eine vollständige Aufzählung hier den Rahmen sprengen würden. Als Beispiele seien lediglich einige bekannte und weiter verbreitete genannt:

  • Der FLIRT (Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug) verkehrt in zahlreichen deutschen Netzen, so beispielsweise für cantus Verkehrsgesellschaft mbH im Nordhessischen.
  • Die NEB Betriebsgesellschaft mbH betreibt als Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen im Berliner Umland etliche Bahnstrecken mit den Fahrzeugen Pesa Link und Regio Shuttle.
  • ET 423: Dieses elektrische S-Bahnfahrzeug löste ab dem Jahre 2000 den Vorgänger ET 420 bei den S-Bahnen München, Stuttgart, Rhein-Main und Köln ab.
  • Der ET 442 (Bombardier Talent 2) ist als S-Bahnfahrzeug der DB Regio AG in Nürnberg, Leipzig, Rostock, als Regionalzug für Abellio im Neckartalnetz und für National Express bei der Rhein-Wupper-Bahn unterwegs.
  • Die dieselbetriebene Baureihe VT 612 wird seitens der DB Regio AG eingesetzt, um mittels Neigetechnik höhere Geschwindigkeiten auf kurvigen Strecken erzielen zu können.

Abschließend noch ein wichtiger Hinweis zur Klarstellung, weil hier oft Verwechslungen stattfinden: Eine S-Bahn ist ein echter Zug, denn sie fährt auf dem Eisenbahnstreckennetz nach der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung. U-Bahnen und Straßenbahnen hingegen sind keine Züge! Die U-Bahn und Straßenbahn fahren zwar beide auch auf Schienen, aber in einem ganz anderen organisatorisch-gesetzlichen Rahmen.[vii]

 

Anmerkungen

[vi]   Pro modernisiertem Langzug (d. h. Dreifachtraktion) der Baureihe ET 423 rund 1.800 Fahrgäste bei maximaler Besetzung und 30 Fahrten je Richtung. Das ist ein theoretischer Wert, der in Realität nicht erreicht wird, weil nicht so viele Fahrgäste gleich verteilt das System nutzen.

[vii] Mehr dazu dann im Kapitel „Verkehrsverbünde“. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es auch Fahrzeuge gibt, die tatsächlich als Eisenbahnfahrzeug und als Straßenbahn unterwegs sind. Dazu dann mehr in Kapitel „Zweisystembahnen“.

Nahverkehrszüge im Bahnhof Buchloe: Alstom Coradia LINT (Betreiber: BRB) und der Neigetechnikzug VT 612 von Bombardier (Betreiber: DB Regio).
Ein S-Bahnzug ET 423 im Vordergrund, ein „alter“ moderner VT 628 dahinter, und ganz im Hintergrund ist noch ein Doppelstockzug erkennbar: Drei verschiedene Zugtypen des Nahverkehrs im Hauptbahnhof München, für völlig unterschiedliche verkehrliche Zwecke.
Ein Regio Shuttle von Stadler für eher nachfrageschwache Linien im ländlichen Raum: Hier fährt die agilis auf der Schiefen Ebene zwischen Neuenmarkt-Wirsberg und Marktschorgast.

 

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