Zweisystembahnen

Wenn Sie in Kassel mit dem ICE im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe ankommen, werden Sie sich vielleicht wundern: Da fährt doch ein paar Gleise weiter eine Straßenbahn herum! Nein, Sie haben sich nicht geirrt, denn im Großraum Kassel verkehrt die Regio Tram, eine Zweisystembahn.

Stadtbahnen, die als Zweisystembahn (auch Tram-Train genannt) sowohl auf dem klassischen Eisenbahnnetz als auch auf den Straßenbahnschienen in den Innenstädten verkehren können, bilden eine Besonderheit. Weshalb das etwas Besonderes ist, mögen Sie sich nun fragen, schließlich sind doch beides Züge auf Schienen. Das ist richtig, aber damit haben sich die Gemeinsamkeiten schon fast erschöpft. Denn die Eisenbahn ist in vielen Aspekten eine völlig andere Welt als die der Straßenbahn: Die Eisenbahn bezeichnet man auch als „heavy rail“ im Gegensatz zur Straßenbahn („light rail“).

Eine Straßenbahn im Straßenraum verkehrt nach einer anderen Betriebsordnung, sie hat keine mit dem Zug vergleichbare Leit- und Sicherungstechnik, der Fahrer fährt und bremst wie beim Auto auf Sicht, sie kann im normalen Straßenverkehr mitfahren und hat keine besonderen Rechte gegenüber dem Auto, abgesehen vielleicht von einer Vorrangschaltung.

Eine Zweisystembahn bewegt sich in beiden Welten: Sie ist Zug und Straßenbahn vereint in einem Fahrzeug. Das bedeutet, dass sie in der elektrischen Version auch mit zwei verschiedenen Stromsystemen umgehen kann: mit den 15.000 Volt Wechselstrom bei der Bahn und den 600 oder 750 Volt Gleichstrom der Straßenbahn.

Bekannte Beispiele sind in Deutschland die Städte und die umliegenden Großräume von Karlsruhe, Kassel, Chemnitz, Zwickau und Saarbrücken, wo derartige Systeme seit Längerem in Betrieb sind. Das mit Abstand größte System ist die Stadtbahn Karlsruhe mit einem rund 500 km langen Netz und 363 Bahnhöfen.

Für die Fahrgäste ist das Besondere an den Zweisystemstadtbahnen, dass ein Eisenbahnfahrzeug vom Streckennetz der Bahn aus der Region heraus direkt mitten in die Innenstadt fährt. Eine umsteigefreie Verbindung besitzt einen hohen Komfortwert und wird sehr gern angenommen.

Mit der Zweisystembahn ist der Grenzbereich der klassischen Eisenbahn erreicht und es ist nicht weit zu den Themen „Verkehrsverbünde“ und „Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)“.

Stadtbahn Karlsruhe, hier im Bahnhof Wildbad. (Foto: SchiDD, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

 

Die RegioTram von Kassel im Hauptbahnhof. Hier findet der Übergang statt vom Netz der Bahn auf die städtischen Gleise.
(Foto: Falk2, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons).
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