Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit übt einen indirekten Einfluss auf die Bahn aus, der sehr stark wirkt, jedoch in seiner Wirkungsweise weniger offensichtlich ist. Es handelt sich also in diesem Kapitel nicht um unmittelbare Auswirkungen.

Der Wirkungsmechanismus der Öffentlichkeit funktioniert wie folgt:

Zeitungen, Fernsehen, Magazine, Radiosender, soziale Medien – alle sind ganz scharf auf Nachrichten von der Bahn. Denn diese haben einen hohen Unterhaltungswert, sie polarisieren, liefern endlosen Gesprächsstoff und sind eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten und Unglaublichkeiten.

Es gibt unbestritten sehr viele kleine und größere Vorfälle bei der Bahn. Kein Wunder bei 2,5 Mrd. beförderten Fahrgästen 2023[i], fast ein Drittel der Weltbevölkerung. Dank des negativen Images der Bahn kommt viel davon auch in die Medien und verursacht häufig genug örtliche, regionale oder gar überregionale kommunikative Krisen.

Die Lieferanten der Storys sind neben den Journalisten die Fahrgäste. Wer häufiger von Störungen betroffen war, unfreundlichem Personal begegnet ist, eine zu teure Fahrkarte erworben hat, den Fahrkartenautomaten nicht bedienen konnte und dann als Schwarzfahrer aufgeschrieben wurde, wem der Anschluss vor der Nase weggefahren ist oder wer in einem ICE mit defekter Klimaanlage saß, der kann in seinem Ärger versucht sein, diese Erlebnisse in Form von Leserbriefen oder Interviews der Öffentlichkeit kundzutun.

Wenn die Berichte starke Betroffenheit erzeugen und eine gewisse Breitenwirkung erzielen, dann meldet sich die örtliche Politik mit deutlichen Aussagen und Forderungen zu Wort: Dann wird die Trennung von Netz und Betrieb gefordert, der umgehende barrierefreie Ausbau eines Bahnhofs, eine bessere Kundenorientierung, bessere Sicherheit, mehr Personal, umfassende Fahrgastinformation, die Änderung des Fahrplans und vieles mehr.

Wenn Vorstand, Mitglieder des Land- oder Bundestags, Aufgabenträger und Aufsichtsbehörde einbezogen werden und Interessengruppen wie Pro Bahn, Allianz pro Schiene, Verkehrsclub Deutschland, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland oder Fahrgastbeiräte sich einschalten, dann wird öffentlicher Druck erzeugt und werden echte oder vermeintliche Missstände öffentlich aufgezeigt, Verantwortliche gesucht und benannt, dann geht es um Stellungnahmen, Entschuldigungen, Pressekonferenzen, Aktionspläne und Versprechungen. Manche werden auch gehalten und anschließend werden je nach Art und Häufigkeit, Dauer der Vorfälle, der Massivität der Proteste und öffentlichen Wirkung

  • Fahrpläne geändert,
  • mehr Sicherheitspersonal eingesetzt,
  • Schulungen zum Kundenservice neu oder wieder aufgelegt,
  • Baustellen zeitlich verlegt und anders organisiert,
  • Sitze in den Zügen bequemer gemacht,
  • Reinigungsintervalle verändert,
  • Bahnhöfe barrierefrei ausgebaut,
  • Bahnstrecken vorzeitig saniert,
  • Bahnübergänge umgebaut,
  • Bahnübergänge durch Über- und Unterführungen ersetzt,
  • Fahrgastinformationssysteme aufgebaut,
  • Runde Tische initiiert,
  • die Wartung von Klimaanlagen intensiviert,
  • Züge vor ihrem ersten Einsatz getestet,
  • Fahrgäste in Planungen miteinbezogen,
  • Lärmminderungskonzepte erarbeitet.

Und vieles mehr.

Manches hätte bei der Bahn im Großen wie im Kleinen vermutlich nicht so schnell verändert werden können, wären die Dinge nicht öffentlich geworden. Am dauerhaft wirkungsvollsten ist der Druck der Öffentlichkeit dann, wenn die jeweiligen Akteure mit der Bahn und ihren Verantwortlichen zwar kritisch, aber konstruktiv umgehen und lösungsorientiert agieren. Und auch Zusammenhänge aufzeigen: Denn vieles, was bei der Bahn nicht gut funktioniert, wird zwar dort sichtbar, liegt aber in völlig anderen Wirkungsmechanismen tiefer begründet wie beispielsweise einer ungenügenden Finanzierung oder dem Abbau von Infrastruktur als Folge einer ziellosen oder zumindest inkonsequenten Verkehrspolitik.

In etlichen Fällen ergibt sich dann etwas Gutes, wenn alle Beteiligten eine gemeinsame Einschätzung der Situation erreichen können und an einem Strang ziehen, um etwas zum Besseren zu verändern. Dann gibt es auch positive Presse, lobende Worte über die Bahn, Freude über etwas gemeinsam Erreichtes.

Bei der Bahn darf sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Öffentlichkeit natürlich nicht unbedingt gerecht und differenziert handelt, dass sich die meisten Menschen jedoch eine gute, zuverlässige Bahn wünschen, mit der sie gern und einfach unterwegs sind. Letztlich sind dies Ziele, die auch die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen verfolgen.

Mit ausreichend Wissen, Verständnis, Geduld, einer konstruktiven Einstellung und guter Kommunikation kann in vielen Fällen ein Weg gefunden werden, um bei gut abgrenzbaren Schwierigkeiten und Mängeln mit dem Einfluss der Öffentlichkeit wirkungsvolle Maßnahmen bei der Bahn zu initiieren.

 

Anmerkung

[i]             Verkehr in Zahlen 2023-2024, Seite 215.

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