Extremereignisse: Stürme und Orkane

Unabhängig von der Jahreszeit treten Extremereignisse auf.

In Deutschland sind es insbesondere Stürme und Orkane, die den Bahnverkehr nachhaltig und großflächig beeinträchtigen. Da die Unwettervorhersagen inzwischen besser geworden sind und die Bahn diese auch nutzt, können die jeweiligen Netzbetreiber auch vorsorglich agieren und warten nicht mehr so lange, bis ein Zug in einen umgestürzten Baum gefahren ist oder wegen defekter Oberleitung liegenbleibt. Sondern es gibt bei Stürmen und angekündigten Orkanen zwei Stufen:

  • Bei hohen Windgeschwindigkeiten müssen die Züge vorsorglich auf exponierten Streckenabschnitten ihre Höchstgeschwindigkeit deutlich herabsetzen. Verspätungen sind die Folge.
  • Und wenn sich die Windgeschwindigkeiten weiter erhöhen, wird der Bahnverkehr möglicherweise ganz eingestellt: streckenbezogen, oder je nach Stärke des Ereignisses auch bundeslandbezogen. 2007 beim Orkan Kyrill fuhr zeitweilig kein Zug des Fernverkehrs mehr – deutschlandweit. Das ist zwar alles nicht angenehm für die strandenden Fahrgäste, jedoch immer noch besser als Unfälle in Kauf zu nehmen.

Nach Sturmereignissen wird es Stunden, oft aber auch Tage dauern, bis der Zugverkehr wieder rund läuft. Zuerst müssen die Schäden räumlich erfasst, die Auswirkungen beschrieben und priorisiert werden. Dann geht es an das allgemeine Aufräumen: In erster Linie gilt es, viele Bäume an unwegsamen Stellen von den Gleisen zu entfernen. Bäume, die umzustürzen drohen, werden abgesägt. Reparaturteams richten die beschädigten Oberleitungen und Signalanlagen wieder her, wofür man nicht nur Expertinnen und Experten braucht, sondern auch Material und spezielle Fahrzeuge. Es gilt zu untersuchen, ob die Gleise intakt geblieben sind, es finden Kontrollfahrten statt.

Wenn all das geschafft ist, versuchen die Disponentinnen und Disponenten der Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen, ihre Fahrzeuge und Personale wiederzufinden und sinnvoll einzuteilen, denn alle sorgsam ausgeklügelten Fahrzeugumläufe sind komplett durcheinander. Genauso ist die Werkstattplanung vollständig durcheinander, und die Zugbegleit- und Fahrpersonale befinden sich irgendwo im Netz, nur nicht dort, wo sie eigentlich hingehören. Beispielsweise mit folgenden Auswirkungen:

  • Ein Zug muss in die Werkstatt, doch dort ist alles belegt.
  • Ein Lokführer/eine Lokführerin ist vorhanden, doch ohne Befähigung, den ICE zu fahren, der zufällig zur Verfügung steht.
  • Der reguläre Bahnsteig im nächsten Bahnhof ist zu kurz.
  • Ein Zug fährt nur in Einfach- statt in Vierfachtraktion.
  • Zug und Lokführer sind da, aber das Bordpersonal fehlt.

Das Gesamtsystem ist gestört. Für den Kunden: Chaos. Eine Großstörung – alles und jeder ist betroffen. Ein Bild mag dies verdeutlichen: Stellen Sie sich die Bahn als mehrdimensionales, halbtransparentes Puzzle vor.

  • Auf der untersten Ebene liegt der Fahrplan mit den Zügen.
  • Eine Ebene darüber befinden sich die Fahrzeuge.
  • Und ganz oben sind die eingesetzten Personale.

Im Planfall bilden diese drei Ebenen ein harmonisches Bild, das sich jede Sekunde mit jedem Ortswechsel verändert, aber weiterhin völlig stimmig bleibt. Tritt nun eine Großstörung ein, wird dieses Bild Stück für Stück zerstört, bis nach wenigen Stunden alle Puzzleteile unsortiert und ohne Bewegung herumliegen. Der Rückkehr in den Normalbetrieb bedeutet nun, alle Puzzleteile anzusehen und an die richtige Stelle zu bringen. Und das dauert seine Zeit.

Diese wenigen Blitzlichter sind stark vereinfacht und zeigen, was im Hintergrund geschieht. In Wirklichkeit geht es bei Großstörungen nicht um ein einzelnes Fahrzeug oder eine Lokführerin/einen Lokführer, sondern um Hunderte oder gar Tausende. Der Fahrplan an sich spielt zu diesem Zeitpunkt noch gar keine große Rolle, zuerst geht es mal darum, überhaupt Kapazitäten auf der Schiene zur Verfügung zu stellen und den Beginn einer Ordnung herzustellen. Zugbildung, Platzreservierungen, Pünktlichkeit sind am ersten Tag nach einem solchen Ereignis überhaupt nicht oder wenigstens nicht durchgängig regelbar. Nach zwei bis drei Tagen einer flächendeckenden ungeplanten Betriebseinstellung geht es dann allmählich wieder in den geplanten Betrieb über. Bei kleineren Netzen kann schon am nächsten Tag der Betrieb wieder weitgehend in Ordnung sein.

Als Fahrgast spüren Sie die Folgewirkungen von Großereignissen

  • zeitlich oft über Stunden verzögert;
  • räumlich an weit entfernten Stellen, scheinbar ohne Zusammenhang;
  • über viele Stunden Dauer, vielleicht gar auch ein oder zwei Tage nach dem offiziellen Ende der Ursache.

Die Auswirkungen von Großstörungen machen sich nach Beendigung der Streckensperrungen beispielsweise wie folgt bemerkbar:

  • Einzelne Züge fallen aus.
  • Züge fahren mit geringerer oder deutlich erhöhter Platzkapazität.
  • Es verkehren Ersatzzüge ohne Platzreservierung.
  • Züge wenden vorzeitig, damit sie wieder pünktlich in ihren Umlauf kommen oder ihre dringend erforderliche Inspektion erhalten.
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