Informationsdefizit: Hintergründe und Zusammenhänge

Betriebliche Situationen

Informationsdefizite treten besonders in den folgenden – allesamt ungeplanten – Fällen auf:

  • Komplette Streckensperrungen;
  • Sperrung eines Gleises bei zweigleisigen Strecken;
  • Bauarbeiten, die nicht planmäßig verlaufen (d. h. insbesondere, wenn sie nicht rechtzeitig enden und ungeplant zeitlich verlängert werden müssen);
  • allgemeine Verspätungslage, wenn sehr viele Züge in einem Knoten oder auf einer Strecke eine hohe Verspätung aufweisen;
  • mehrere Störungsursachen treffen zusammen und überlagern sich;
  • Streckenauslastung und Fahrgastaufkommen sind über längere Zeit außergewöhnlich hoch.

Hier geht es also nicht um die Fälle, wenn der Betrieb gut läuft und beispielsweise nur ein Monitor am Bahnsteig ausfällt oder eine Ansage nicht verständlich ist. In solchen Fällen funktionieren die anderen Kanäle noch. Nein, Thema sind Störungen mit strecken- oder netzweiten Auswirkungen: Großstörungen. Dann entwickelt sich die Bahn innerhalb kürzester Zeit aus einem geplanten in ein gefühlt chaotisches System, in dem Informationen systematisch fehlen, widersprüchlich oder verkehrt sind. Und zwar auf allen Kanälen: Internet, Durchsagen in den Zügen, Anzeigen im Bahnhof, Apps.

 

Konkrete Ursachen

Das Bahnsystem ist darauf ausgelegt, dass viele Informationen automatisiert an die Kunden gegeben werden. Bei einer stabilen Betriebslage, d. h.

  • alle Züge sind pünktlich im Rahmen der 5:59-Minuten-Grenze,
  • es liegen keine Bauarbeiten mit Gleisänderungen vor,
  • es ist keine besonders hohe Nachfrage vorhanden,
  • und die Anschlüsse klappen,

ist die Fahrgastinformation in aller Regel sehr zuverlässig und die Informationsprozesse laufen vollständig automatisiert oder zumindest teilautomatisiert ab. Sie werden dann für jeden Zug die tatsächliche Abfahrtszeit, das richtige Gleis, und das korrekte Zugziel und die Unterwegsbahnhöfe abrufen können.

Doch bei den schwierigen Betriebslagen, die weiter oben bereits aufgezählt wurden, nimmt die Komplexität exponentiell zu. Sie haben im Kapitel „Planung“ erfahren, wie umfassend und kompliziert die Planung des Systems Bahn ist. Monatelang andauernde Abstimmungsprozesse schaffen die Voraussetzungen, dass Fahrpläne, Zugumläufe, Dienstpläne, Werkstattaufenthalte und Gleisbelegungen perfekt aufeinander abgestimmt sind.

Durch eine dieser Störungen kann das ganze System oder zumindest Teile davon zusammenbrechen. Was dann noch funktioniert, sind die Sicherheitssysteme, sodass kein Unfall passiert. Aber alles andere ist ein Trümmerhaufen an organisatorischen Puzzleteilen, der mühsam wieder sinnvoll zusammengesetzt werden muss. Und so schlimm wie die Betriebslage dann aussieht, so ähnlich gestaltet sich die Information für die Fahrgäste.

Es gibt folgende Ursachen für die ungenaue oder gar fehlende zugbezogene Information bei Großstörungen oder zumindest allgemein schlechter Betriebslage mit zahlreichen Abweichungen vom Plan:

  • Die Rechenmodelle im Hintergrund können die hohe Komplexität der sich gegenseitig beeinflussenden Ereignisse nicht abbilden. Deswegen geht die Automatik in die Knie und jetzt müssten Menschen eingreifen.
  • Menschen gibt es durchaus im Bereich der Reisendeninformation: Schlüsselrollen spielen hier Ansagerzentren, Fahrdienstleiterinnen und Fahrdienstleiter der Eisenbahn-Infrastruktur-Unternehmen und Disponentinnen und Disponenten in den Transportleitungen der Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen.
    Allerdings gibt es für die genannten Ausnahmesituationen – dann, wenn die Informationen am wichtigsten sind – nie genug Personal. Es bräuchte dafür u. a. ein Vielfaches an Menschen, die die zugbezogene Reisendeninformation durchführen.
  • Bei Streckensperrungen werden teilweise Zugnummern geändert oder die Züge werden über andere Strecken geleitet. In beiden Fällen führt das dazu, dass die den Zugnummern zugeordneten Fahrpläne nicht mehr vorhanden sind, sondern neu erzeugt und intern kommuniziert werden müssen. Ohne Fahrplan aber gibt es keine zugbezogene Fahrgastinformation.

 

Perspektive

Klimabedingte Großstörungen haben die Tendenz, häufiger und extremer zu werden. Die Tiefs Friederike, Wilma, Xisca, Nadine, Fabienne, Angela, Benjamin, Bennet, Cornelius, Dragi, Eberhard, Franz, Gebhard, Frank, Heiko, Jörn, Klaus, Yap und Ignaz haben 2018 und 2019 zu Großstörungen mit hohen Schäden geführt, hinzu kamen sonstige Ereignisse, die große, überregional bedeutsame Bahnhöfe und Strecken unpassierbar machten – mit vergleichbaren, bundesweit spürbaren Auswirkungen: Bombenentschärfung in Berlin mit Sperrung des Hauptbahnhofs, ein Brand an der Neubaustrecke Köln–Frankfurt und eine stundenlange zentrale Stellwerksstörung in Hannover.

Es ist damit zu rechnen, dass vergleichbare Großstörungen mittelfristig gesehen insgesamt geordneter ablaufen, als es bislang der Fall war. Grund dafür: Es liegen inzwischen umfangreiche Erfahrungen vor, aus denen sich gewisse Standards bei der Prävention (Stichwort: Aktionsplan Vegetation), der Vorwarnung, der Reisendeninformation, der innerbetrieblichen Kommunikation, der operativen Abwicklung und der Rückführung in den Regelverkehr ableiten.

Natürlich werden Stürme und sonstige Ursachen weiterhin gravierende Auswirkungen auf alle Verkehrsträger haben, und von entspanntem Reisen kann in derartigen Situationen naturgemäß nicht die Rede sein. Doch sollten Folgen wie netzweite, ungeplante Streckensperrungen mittelfristig entweder seltener eintreten, räumlich differenzierter oder kürzer ausfallen und die anschließende Betriebsaufnahme wieder schneller möglich sein. Auch bei der Reiseinformation werden inzwischen schon ein bis zwei Tage vor unplanbaren, aber vorhersehbaren Ereignissen entsprechende Hinweise kommuniziert, hier wird es weitere, deutliche Fortschritte bei der zugbezogenen Auskunft in Störfallsituationen geben.

Information auf einer Tafel im Bahnhof Nürnberg während einer Großstörung: Mit wenigen Worten werden die wichtigsten Informationen gegeben, nachdem der gesamte Fernverkehr am 9. und 10. Februar 2020 zeitweilig eingestellt wurde.
Bei einer Großstörung bilden sich innerhalb kürzester Zeit lange Warteschlangen an den Auskunftsstellen der Hauptbahnhöfe.
Wenn möglich, vermeiden Sie es, sich dort eine Stunde lang anzustellen und suchen Sie sich Ihre Informationen lieber selbst zusammen oder ziehen Ihre Schlussfolgerungen aus den einfacher erhältlichen Informationen. Einige Hinweise dazu finden Sie hier in diesem Kapitel.
Nach oben scrollen