Was die Bahn bei und gegen Überfüllung tut

Planen

Die Bahn plant ihre Kapazitäten mittel- und langfristig so akribisch wie die Fahrzeiten. Leere Züge sind nicht im Sinne eines wirtschaftlichen Einsatzes, aber zu volle Züge auch nicht. Denn überfüllte Züge bedeuten schlechtes Image, angespannte Stimmung und Verspätungen. Generell werden alle Züge je nach Wochentagstyp hinsichtlich der Kapazitäten gesondert geplant, und zu besonderen Anlässen (Ferienbeginn, Großveranstaltungen) erfolgt ebenfalls eine eigene Planung.

Wenn sich im Rahmen regelmäßiger Zählungen, Beschwerden und der Auswertung von zuggebundenen Ticketverkäufen herausstellt, dass eine Verbindung so stark nachgefragt ist, dass Fahrgäste nicht mehr zusteigen können oder dass signifikante Verspätungen entstehen, dann denkt das Unternehmen über den Einsatz weiterer Züge nach oder ob ein Zug noch verstärkt werden kann. Dieser Prozess dauert in der Regel jedoch lange, denn Fahrzeuge sind nicht beliebig verfügbar: Dahinter steckt dann eine komplette Optimierung der Zugumlaufplanung in der Hoffnung, dass an einer Stelle noch ein Fahrzeug frei wird, das dann umgehend dort eingesetzt wird, wo die Nachfrage am größten ist. Alternativ die Vergrößerung der Flotte, doch dies ist langwierig und komplex: Die Fahrzeuge müssen gebaut und finanziert werden und kompatibel mit der Flotte und den Bahnsteighöhen und -längen sein.

Zur Planung gehört auch der Austausch mit den Fluggesellschaften, denn ein Streik oder Nachfrageänderungen im Luftverkehr haben unmittelbare Auswirkungen auf die Auslastung im Fernverkehr.

 

Nachfrage steuern

Die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen betreiben die kurz- und mittelfristige Auslastungssteuerung in der Regel über den Preis. Stärker nachgefragte Zeiten sind teurer als Fahrten in den Nebenverkehrszeiten. Aus diesem Grund gelten beispielsweise Ländertickets werktags erst ab 9 Uhr, deswegen werden Sie in stark nachgefragten Fernverkehrszügen kaum mit Sonderangeboten fahren können.

Die Nachfragesteuerung erfolgt auch über Reiseempfehlungen. So kommuniziert die Bahn im Fernverkehr die voraussichtliche Auslastung von Zügen insbesondere über die Fahrplanauskunft im Internet oder den DB Navigator und über die Automaten) und gibt auch allgemeine Reisehinweise heraus.

 

Kapazitäten erhöhen

Die Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen setzen, sofern vorhersehbar und betrieblich, fahrzeugtechnisch und finanziell darstellbar, zusätzliche Züge ein oder verstärken die Regelverbindung um einen Zugteil. Im Nahverkehr geschieht dies oft im Rahmen eines Verkehrsvertrags mit dem Aufgabenträger oder einer Sonderbestellung.

Im Fernverkehr werden die Kapazitäten auf eigene Rechnung und Risiko erhöht, sofern nötig und möglich. Generell jedoch hängt die Messlatte recht hoch und die Möglichkeiten sind in Zeiten knapper Produktionsmittel eher gering einzuschätzen. In der Regel ist es einfacher, an Wochenenden die Kapazitäten zu erhöhen als an Werktagen zur Hauptverkehrszeit.

Zahlreiche Beispiele zeigen, dass die Kapazitäten der Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen ständig angepasst werden: mal anlassbezogen wegen Veranstaltungen, oft aber wegen des allgemeinen Wachstums der Nachfrage.

  • Während des Münchener Oktoberfestes sind alle Züge, die zu bestimmten Zeiten auf München zulaufen und von dort wieder abfahren, so stark ausgelastet, dass es Standard geworden ist, dass alle Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen zumindest an den Wochenenden zusätzliche Züge einsetzen und bestehende Züge so verlängern, dass möglichst viel Kapazität vorhanden ist, um einen großen Teil der rund 6 bis 7 Mio. Gäste innerhalb von zweieinhalb Wochen zu befördern. Es wird für diese Zeit ein Sonderfahrplan gefahren, der über alle Medien kommuniziert wird und auch in der Fahrplanauskunft abgebildet ist.
  • Anlässlich der Fußball-Bundesligaspiele verkehren zusätzliche Züge.
  • Die S-Bahn München führte 2004/2005 einen 10-Minuten-Takt auf mehreren Linienästen ein, um die gestiegene Nachfrage zu bedienen. Dazu war ein großes Ausbauprogramm nötig, außerdem wurden zwei Dutzend zusätzliche Fahrzeuge beschafft – Investitionen im hohen dreistelligen Millionenbereich waren dafür erforderlich.
  • Im Rahmen von Ausschreibungen im Schienenpersonennahverkehr werden in aller Regel auch die Platzkapazitäten deutlich erhöht, sofern eine tatsächliche oder potenzielle Nachfrage vorhanden ist. Das bedeutet mehr Züge (beispielsweise Halbstundentakt statt Stundentakt), anderes Zugdesign (z. B. Doppelstockzüge) und längere Züge mit mehr Wagen.
    Ein schönes Beispiel bietet hier das Land Baden-Württemberg, wo zum Fahrplanwechsel am 15.12.2019 zahlreiche Linien und Netze neu vergeben worden waren und viele davon mit deutlich erweitertem Betriebskonzept fahren. Dementsprechend haben sich die Platzkapazitäten stark erhöht.
  • Auch anlässlich von Fahrplanwechseln werden derartige Veränderungen vorgenommen.
  • Im Fernverkehr der Deutschen Bahn steht bis 2030 eine Ausweitung des Angebots um rund 25 % an[v], weil die Auslastung stetig steigt und die verkehrspolitische Zielsetzung der Bahn eine größere Rolle zuschreibt.

 

Anmerkung

[v]         Deutsche Bahn AG (Hrsg.): ICE 4 – ein neues Kapitel im ICE-Verkehr. Pressemitteilung/Themendienst vom 7.12.2017. Kurzlink-URL: https://t1p.de/ywck+ (Stand 20.2.2020, nicht mehr abrufbar).

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