Die persönliche Einstellung des Autors

Nun folgt ein ganz persönliches Kapitel. Ich möchte Ihnen darlegen, wie ich das Bahnfahren einschätze, welches meine Bewertung und Haltung zu den in diesem Abschnitt genannten Herausforderungen ist und welche Konsequenzen ich gezogen habe.

Zugfahren begleitet mich mein Leben lang.

  • Ein Jahr war ich Wochenendpendler zwischen Sinzig (Rhein) und Warendorf in Westfalen durch das Ruhrgebiet oder auf der südlichen Parallelstrecke über Wuppertal.
  • Drei Monate pendelte ich werktäglich zwischen Sinzig und Lahnstein.
  • Etwa sieben Jahre lang fuhr ich ungefähr alle drei Wochen zwischen Sinzig (Rhein) und Trier hin und her.
  • Ein halbes Jahr war ich Wochenendpendler zwischen Trier und München.
  • Danach kamen sieben Jahre als werktäglicher Pendler zwischen Bruckmühl (Oberbayern) und München Ostbahnhof über Holzkirchen, Rosenheim oder Kreuzstraße.
  • Es folgten sieben Jahre werktägliches Pendeln zwischen Nürnberg und München Ost.
  • Darauf über ein Jahr lang Wochenendpendeln Nürnberg–Frankfurt Süd.
  • 20 Jahre lang gab es Hunderte von Dienstreisen quer durch Deutschland.
  • Rund 40 Jahre lang kamen Ausflugs- und Urlaubsfahrten durch Deutschland hinzu.
  • Insgesamt vier Monate fuhr ich mit Netzkarten durch ganz Deutschland,
  • weitere fünf Monate durch ganz Europa
  • und zwei Wochen durch die Schweiz.

Insgesamt war ich rund 1,2 Mio. km, mit und ohne Umsteigen, im Fern- und Nahverkehr, 1. und 2. Klasse, stehend oder sitzend, in allen Teilen Deutschlands und Europas unterwegs. In leeren, vollen, unterkühlten, verspäteten, zumeist aber völlig unauffälligen Zügen.

Jenseits aller Statistiken, Medienberichte und persönlichen Betroffenheit anderer Fahrgäste möchte ich die Summe meiner eigenen Erfahrungen in den folgenden Beobachtungen festhalten:

  1. Ich war mit der Bahn immer völlig sicher unterwegs und habe keine einzige Situation erlebt, in der ich verletzt worden wäre oder das Gefühl hatte, dass gleich etwas passieren könnte.
  2. Verspätungen im Minutenbereich waren häufig, wobei die meisten aber praktisch keine Auswirkungen hatten.
  3. Verspätungen mit Anschlussverlusten kamen bei vielleicht fünf von hundert Fahrten vor, Zugausfälle ohne zeitnahe Alternative ebenso oft.
  4. Fahrten, bei denen alles schieflief und die Verspätung deutlich über die Stundengrenze hinausging, gab es ungefähr 2- bis 5-mal im Jahr.
  5. Ich habe keine einzige Fahrt erlebt, bei der ich wegen einer Unregelmäßigkeit außerplanmäßig hätte übernachten müssen.
  6. Qualitätsmängel (defekte Türen oder Toiletten, fehlende Information im Verspätungsfall, von außen nicht gereinigte Züge, Reservierungen nicht angezeigt, verkehrte Wagenreihung, massiv überfüllte Züge) hingegen waren deutlich öfter spürbar und sichtbar – ich schätze, in gut 25 % der Fahrten, bei denen mir als Kunde etwas aufgefallen war, und vielleicht in 5 % der Fahrten, bei denen ich mich persönlich gestört fühlte.
  7. Insgesamt hat es mir die Bahnnutzung ermöglicht, über zwei Jahre meines Lebens, also die reine Fahrzeit, mit für mich sinnvollen Beschäftigungen zu verbringen wie Lesen, Schlafen, Arbeiten, Aus-dem-Fenster-Schauen und Reden. Und das weitestgehend stressfrei.

 

Meine Einstellung zur Bahn

  • Bahnfahren ist für mich häufig bequemer als das Autofahren.
  • Auf der Straße ist es mir oft zu gefährlich und zu anstrengend.
  • In der Bahn kann ich meine Lebenszeit besser nutzen.
  • Ich fahre gern umweltfreundlich.
  • Parkplatzsuche und Staus in der Stadt sind mir viel zu nervig.
  • Ich bin mit der Bahn oft schneller am Ziel.
  • Ich kann in der Bahn Dinge erledigen, zu denen ich sonst nicht komme, und muss mich nicht auf das Lenken eines Fahrzeugs konzentrieren.
  • Bahnfahren hat für mich auch etwas mit Entdecken, Freiheit und Abenteuer zu tun.

Für mich ist die Bahn das Verkehrsmittel, mit dem ich einfach, zeitsparend, umweltfreundlich, sicher und bequem sehr viele Ziele erreiche. Natürlich sehe ich die Schwächen und Mängel, die das Bahnsystem in Deutschland hat. Ich sehe auf der anderen Seite auch die Alternativen: Autofahren auf der Autobahn, wo teils in Wildwestmanier gefahren wird und gefährliche Situationen an der Tagesordnung sind. Das Stehen im Stau. Stop and Go in der Stadt. Stressige Parkplatzsuche mit offenem Ende. Teure Parkplätze. Abgase und Lärm, die ich verursache. Die dauernde volle Konzentration auf den Verkehr, der mich nur ermüdet.

Dennoch gibt es für mich hier nicht nur Schwarz-Weiß. Ich kenne selbstverständlich auch die Vorteile des Autos und ich nutze es oft im Carsharing-Modell oder als Leihwagen, sobald es schwere Lasten zu befördern gilt, umständliche Wegeketten anstehen, mein Ziel keinen Bahnhof hat oder der zeitliche Vorteil so groß wird, dass die Bahn aufgrund des deutlich kleineren Netzes im Vergleich zur Straße keine vernünftige Alternative bietet.

 

Meine persönlichen Konsequenzen

Wenn die Bahn nicht ganz so zuverlässig ist, wie ich sie mir wünsche, ich sie aber als sinnvoll und wichtig erachte, brauche ich eine möglichst konstruktive Grundeinstellung, um mich gut auf die Gegebenheiten einzulassen.

Zusätzlich halte ich durch folgende grundsätzliche Entscheidungen und Einstellungen die Auswirkungen von Störungen auf meine Planungen und auf mein Wohlbefinden gering:

  • Bis auf wenige Jahre meines Lebens habe ich immer in Orten mit Bahnanschluss gelebt. Ich wohne beispielsweise seit 2007 mit Absicht nicht sehr weit von einem großen Hauptbahnhof entfernt. Diesen kann ich zu Fuß in 15 Minuten, mit dem Rad oder mit der sehr häufig fahrenden U-Bahn oder Straßenbahn in 10 Minuten erreichen – von Haustür zum Bahnsteig gerechnet. Von diesem Hauptbahnhof aus kann ich acht verschiedene Bahnstrecken nutzen, auf denen ungefähr zwei Dutzend verschiedene Linien im Nah- und Fernverkehr fahren. Das heißt: Ich komme mit der Bahn einfach und schnell fast überall hin. Und das fast zu jeder Zeit. Und ich habe ganz viele Alternativen.
  • Kleine Verspätungen bewerte ich selten und ich fühle mich dadurch meistens nicht beeinträchtigt. Sie sind einfach da, kaum vermeidbar, einkalkuliert, und gut mit anderen Dingen ausfüllbar. Mir ist zwar klar, dass es in Ländern wie der Schweiz oder Japan auf der Schiene viel planmäßiger zugeht, und lieber wäre es mir, wenn Deutschland künftig einen stärkeren Focus auf die Bahn legen würde, um die riesigen Chancen des Systems besser zu nutzen. Für ein Umdenken gibt es zwar gewisse Zeichen, doch aktuell ist Deutschland in Sachen Bahn noch längst nicht in der Nähe des Ziels. Das kann noch lange bedauern, ist aber ein Fakt.
  • Bei großen Verspätungen und Anschlussverlusten und sonstigen über die Maßen anstrengenden Situationen versuche ich, andere Fahrmöglichkeiten zu finden, oder fülle die Zeit sinnvoll. Und ich führe mir vor Augen, dass es zwar diesmal nicht gut geklappt hat, dass ich mich aber aus guten Gründen für die Bahn entschieden habe und dass Gründe wie Umweltschutz und Sicherheit immer und dennoch gelten. Nach meiner Überzeugung ist ohnehin nicht alles planbar, vorhersehbar oder vermeidbar. Es grenzt für mich fast an ein Wunder, dass ein menschlich erdachtes System, das aus so vielen Überlegungen und Wechselwirkungen, umfangreichen Planungen, höchster Arbeitsteilung und dem Zusammenwirken vieler Menschen und Technik besteht, überhaupt sehr häufig gut funktioniert und zu fast 100 % sicher ist.
  • Wenn die Betriebslage richtig unübersichtlich und scheinbar hoffnungslos ist, werte ich die Fahrt für mich als Herausforderung und Abenteuer. Auch wenn ich das nicht so bestellt habe. Zeit spielt dann keine Rolle mehr. Ich überlege, wie ich am besten aus der Situation wieder herauskomme. Was ich tun muss oder was insgesamt geschehen sollte, damit es weitergeht oder zumindest besser wird. Und ich beobachte mich und meine Aktionen und Reaktionen auf das, was passiert und was ich selbst in die Wege geleitet habe. Ich bin neugierig darauf, ob mein Plan, meine Strategie aufgeht. Ich habe den festen Willen, das Beste aus der Situation zu machen.
  • Gerade, wenn es nicht so gut läuft, dann geht es nach meiner Auffassung darum, mit anderen Menschen sein Wissen zu teilen, um die Situation möglichst erträglich zu gestalten. Sich einander beim Gepäcktragen oder Umsteigen zu helfen. Dem anderen die Tür zu öffnen. Bei vollen Zügen den Platz abwechselnd zu nutzen oder Mobilitätseingeschränkten ganz zu überlassen, auch wenn man selbst gerade gut sitzt. Dem Bahnpersonal trotzdem höflich, mitfühlend und positiv zu begegnen. Dann kann aus einer misslichen Situation noch etwas Gutes werden – wer weiß, vielleicht entwickelt sich ja ein gutes Gespräch oder ein bleibender guter Kontakt?
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