Zugevakuierungen auf freier Strecke

Das kommt nur ganz selten vor, die allermeisten Fahrgäste werden mit ziemlicher Sicherheit nicht in diese Situation geraten.

Doch zunächst die Frage: Wie kann es dazu kommen? Hier eine Auswahl an Möglichkeiten:

  • Ihr Zug hat einen gravierenden, nicht behebbaren technischen Defekt, der unterwegs plötzlich auftritt;
  • ein Bagger hat bei Bauarbeiten an der Strecke die vollständige Leit- und Sicherungstechnik durchtrennt und der Zug, in dem Sie sitzen, ist als erstes von einer „Rotausleuchtung“[i] betroffen;
  • Suizid – Ihr Zug hat einen Menschen überfahren;
  • Unfall: Ihr Zug hat ein Auto am Bahnübergang erfasst;
  • Unwetterschäden: Ein umgestürzter Baum hat die Oberleitung herabgerissen und Ihr Zug steckt mittendrin;
  • Zugentgleisungen, die sich allerdings nur extrem selten ereignen.

Es geht also immer darum, dass Ihr Zug direkt betroffen ist oder zumindest in Folge eines der genannten Ereignisse irgendwo auf der freien Strecke zum Halten kommt und eine Weiterfahrt auf längere Sicht nicht möglich ist. Diese Situation bringt einige sicherheitsrelevante Besonderheiten mit sich.

Folgendes passiert dann:

  • Der Lokführer bringt den Zug, ggf. mittels Notbremsung, zum Stehen.
  • Es erfolgt eine Ursachenforschung, sofern nicht ohnehin offenkundig.
  • Es erfolgt eine Bestandsaufnahme des Schadens.
  • Das Zugpersonal, die Disponenten des Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmens und des Netzes vereinbaren geeignete Maßnahmen.
  • Sie können und dürfen bis dahin nicht aussteigen.

Weshalb können und dürfen Sie nicht aussteigen? Das hat einen einfachen Grund: Nur im Zug sind Sie sicher. Außen fahren ggf. noch weitere Züge, hängt eine defekte Oberleitung herab, ist unebenes Gelände mit steilen Böschungen oder Sie befinden sich sogar im Tunnel oder auf einer Brücke. Kurz gesagt, außen besteht möglicherweise Lebensgefahr. Außerdem müssen dort ggf. Techniker, Ermittlungsbeamte der Polizei und Notfallmanager arbeiten.

Sobald die Lage geklärt und sicher ist, wird Ihnen als Fahrgast mitgeteilt, wie der Plan konkret aussieht. Hier gibt es wieder verschiedene Möglichkeiten, je nach Situation:

  • Ihr Zug setzt seine Fahrt fort; ggf. fährt er eine Zeit lang „auf Befehl“.[ii]
  • Ihr Zug wendet und fährt zum nächsten Bahnhof zurück.
  • Ihr Zug wird evakuiert.

Sie erkennen: Wenn ein Zug aus den oben genannten Gründen liegenbleibt, ist das eine große Sache. Hier geht es in erster Linie um die Sicherheit, Fahrpläne spielen zunächst keine Rolle mehr. Sie können die Verzögerung dann in den Bereich von deutlich über einer Stunde ansetzen, Zeiten ab zwei Stunden sind eher realistisch. Gehen Sie auch davon aus, dass Informationen je nach Anlass der Störung nicht, spät oder widersprüchlich erfolgen. Das ist in der Regel dem Umstand geschuldet, dass das Personal persönlich betroffen ist (Schock bei Unfall oder Suizid) oder / und vollauf damit beschäftigt ist, die Lage zu erkennen und Maßnahmen zu vereinbaren.

Sollte ein Lokführer oder eine Lokführerin, als einziges Personal an Bord, direkt betroffen und nicht handlungsfähig sein, gelten für Sie als Fahrgast die Regeln des Selbstschutzes und die Verpflichtung zur Hilfeleistung. Das bedeutet: Nicht durch z. B. Aussteigen in Gefahr bringen, Erste Hilfe leisten, Notruf in Richtung Bundespolizei unter 0800 6 888 000 absetzen.

Erst wenn klar ist, was das Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen und das Eisenbahn-Infrastruktur-Unternehmen vorhaben, um die Situation aufzulösen, können Sie Ihre weitere Reise planen.

Sie selbst können, solange das Personal aktiv organisiert, in der Situation praktisch nichts tun außer:

  • Ruhe bewahren,
  • andere Fahrgäste unterstützen und beruhigen,
  • Ihre Termine absagen oder verschieben,
  • den Anweisungen des Personals folgen.

Bei der eigentlichen Evakuierung, sofern nötig, werden Sie durch das Personal angewiesen und gesichert. Steigen Sie ganz vorsichtig um oder aus. Dabei gilt es, das Umfeld genau zu beachten: Schotter, Schwellen, Böschung, Mauern, Gräben, Schienen sind richtige Stolperfallen. Grundsätzlich ist die Verletzungsgefahr erhöht. Im Zweifelsfall nehmen Sie Ihr schweres Gepäck in Form von Koffern nicht mit, hier müssen Sie auf die Einschätzung und die Anweisungen des Personals vertrauen: Hände frei zum Abstützen und Festhalten und maximale Beweglichkeit haben in dieser Situation Vorrang vor allem anderen.

 

Anmerkungen

[i]         Hier greift das bereits im Abschnitt „System“ in der Einleitung beschriebene Fail-safe-Prinzip: Alle Signale gehen auf Halt.

[ii]        Das kommt z. B. bei gravierenden Signalstörungen vor und ist eine Möglichkeit, trotz haltzeigender Signale noch einen minimalen Zugverkehr aufrechtzuerhalten. Der Lokführer bekommt dann die Anweisung, was er tun muss und tun darf vor dem Hintergrund, dass Signale möglicherweise „Rot“ zeigen.

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