Häufigkeit

Sie werden sich nun sicher fragen, wie oft es vorkommt, dass ein Zug ausfällt. Dazu zunächst die offiziellen Zahlen:

  • In einer Pressemitteilung der Deutschen Bahn heißt es: Die Zahl der komplett ausgefallenen Zugfahrten im Fernverkehr lag 2018 bei rund 3.500 und damit bei einem Gesamtanteil von etwa einem Prozent.“[i]
  • Dort steht auch: […] die sogenannte Erfüllungsquote aller täglich verkehrenden 24.000 Fern- und Nahverkehrszüge der DB lag in den letzten Jahren stabil über 99 Prozent im Jahresschnitt.“

Das ist eine erste – allerdings noch undifferenzierte – Antwort auf die Frage „Kommt mein Zug überhaupt?“

Ein Prozent ausgefallene Fahrten klingt erst einmal gut und damit kann man, statistisch gesehen, vielleicht gut leben. Um zwischen den Zeilen zu lesen und den Sachverhalt anders herum zu betrachten, könnte man auch sagen: Wenn 3.500 Fernzüge in einem Jahr ausgefallen sind, in denen jeweils (angenommen) 500 Fahrgäste unterwegs gewesen wären, dann wären allein dadurch schon 1,75 Mio. Fahrgäste betroffen gewesen. Rechnet man Nah- und Fernverkehr zusammen, ausgehend von den genannten täglichen 24.000 Zügen mit jeweils 100 Fahrgästen Besetzung, macht das schon fast 9 Mio. Betroffene pro Jahr. Bei diesen Zahlen wird verständlich, weshalb die Öffentlichkeitswirkung über Themen der Bahn so groß ist.

Es gilt aber, einen weiteren Aspekt zu berücksichtigen: Es wird erwähnt, dass es sich um einen Jahresdurchschnitt handelt. Tatsächlich ist es so, dass es bei der Bahn viele gute Tage gibt, wo das meiste rundläuft und keine größeren Probleme vorkommen. Und es gibt einige wenige Tage, an denen gefühlt nicht viel vernünftig funktioniert und der Fahrplan nicht mehr gilt. Diese Tage schlagen massiv zu Buche und das sind dann die Großereignisse, die nationale Schlagzeilen hervorbringen wie „Bahn stoppt Fernzüge bundesweit“.[ii] Das wiederum bedeutet, dass an den anderen Tagen, die betrieblich gesehen gut bis sehr gut laufen, kaum Züge ungeplant und nicht vorhersehbar ausfallen.

Es kommt noch ein Faktor hinzu: Nicht nur im Jahresverlauf schwankt die Zahl der Ausfälle, sondern auch von einem Jahr zum nächsten sind die Abweichungen sehr groß. Das verdeutlicht die folgende Abbildung:

Die Zugausfälle im gesamten Netz der Deutschen Bahn 2013–2017[iii] zeigen deutlich, wie groß die Schwankungen sind. Prozentual handelt es sich um 0,8 (2013) bis 1,3 (2015) Prozent aller planmäßigen Fahrten, die ganz oder teilweise ausgefallen sind. Eine Prognose ist daraus nicht abzuleiten, dazu sind diese Daten noch zu wenig differenziert und der Zeitraum ist zu kurz.

Bei den genannten Zahlen sollten Sie berücksichtigen, dass darin auch geplante Ausfälle enthalten sind, die auf Bauarbeiten zurückgehen und somit nicht unerwartet kommen. Auch sagt die Zahl der betroffenen Züge nicht unbedingt etwas über die Zahl der betroffenen Fahrgäste aus. Am gravierendsten sind immer die ungeplanten Zugausfälle zu den Hauptverkehrszeiten, wenn es keine Ersatzzüge gibt und die alternativen Verbindungen ausgelastet sind. Doch die meisten Ausfälle sind baustellenbedingt und somit planbar, zusätzlich finden Baustellenausfälle oft nachts oder am Wochenende im Nahverkehr statt, wenn weniger Menschen die Bahn nutzen.

Aussagekräftiger als die absoluten Werte und die Gesamtzahlen ist allerdings die regionale Betrachtung:

  • Im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr fielen 2018 zwischen 2,5 und 2,9 % der Zugfahrten ungeplant aus, je nach Zuggattung. Generell waren dort die Ausfälle im Frühjahr geringer als im Sommer und Herbst, das Maximum gab es im Dezember und Januar, was in diesem Jahr allerdings insbesondere an Streiks lag. Zu diesen Ausfällen kommen noch mal etwas über 3,5 % geplante Ausfälle hinzu, bei denen es entsprechende Fahrplanauskünfte und teils auch Ersatzverkehre gab. Spannend sind auch die höchst unterschiedlichen Ergebnisse der einzelnen Linien: Die Werte der meisten Linien liegen zwischen etwa einem und vier Prozent unvorhergesehener Ausfälle. Das bedeutet, dass für einen Pendler je nach Linie zwischen etwa 4 und 16 Fahrten im Jahr ungeplant ausgefallen sind.[iv]
  • Für Bayern gibt es folgende Werte 2017 – 2023:

  • In Sachsen-Anhalt waren es 2017 etwa 2,35 % Ausfälle, davon 0,9 Prozentpunkte ungeplant.[vi]

Auf den Fernverkehr der Deutschen Bahn bezogen ist die differenzierte, langjährige Betrachtung nach Komplett- und Teilausfällen ebenfalls aussagekräftiger – sie zeigt ein vollständigeres Bild als die eingangs zitierte Pressemitteilung und stellt auch eine mögliche Entwicklung besser dar.

Auch beim Fernverkehr sind die baustellenbedingten und somit planbaren Ausfälle enthalten. Die hohe Zahl Komplettausfälle 2014 geht übrigens zu einem großen Teil auch auf die insgesamt 6 Streikwellen in diesem Jahr zurück.

Im Fernverkehr können Sie eine steigende Tendenz an Zugausfällen im Verlauf der elf betrachteten Jahre erkennen. Es wird auch deutlich, dass die Zahl der Teilausfälle um ein Mehrfaches über den Komplettausfällen liegt.[vii]

Anhand der bisher dargestellten Daten ist ersichtlich, dass sich ein genauer Blick lohnt. Je nach Linie und Jahreszeit ist die Zuverlässigkeit sehr differenziert zu sehen – keinesfalls sind alle Linien so katastrophal, wie es oft dargestellt wird, noch helfen bahnweite Durchschnittswerte, um die eigene Betroffenheit vorherzusagen.

 

Anmerkungen

[i]         Deutsche Bahn AG (Hrsg.): Auch 2018: 99 Prozent aller DB-Fernverkehrsfahrten fanden statt. Pressemitteilung vom 29.1.2019.
Kurzlink-URL: https://t1p.de/kceb+ (Stand 20.2.2020, nicht mehr abrufbar).

[ii]        ZDF – Nachricht vom 9.2.2020, als in ganz Deutschland der Zugfernverkehr eingestellt wurde. Kurzlink-URL: https://t1p.de/p3xv+
(Stand 20.2.2020, nicht mehr abrufbar).

[iii]        Datengrundlage: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage […] der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. In: Drucksache 19/1999 vom 4.5.2018, Seite 2; eigene Darstellung.

[iv]        Verkehrsverbund Rhein-Ruhr AöR (Hrsg.): Qualitätsbericht SPNV 2018.
S. 11, 12, 14.

[vi]        Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (Hrsg.): Geschäftsbericht 2017. S. 14.

[vii]       Datengrundlage: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage […] der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. In: Drucksache 19/8483 vom 15.3.2019, Seite 7; eigene Darstellung.

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