Perspektiven

Die Zahl der Zugausfälle ist von vielen Faktoren abhängig. Auf der einen Seite gibt es Einflüsse, die diese Zahl nach oben treiben: Deutlich erhöhte Baustellentätigkeit, deutlich steigende Zugzahlen, Einsatz neuer Baureihen mit „Kinderkrankheiten“ oder Lokführermangel sind einige der wichtigsten. Andererseits greifen Maßnahmen wie optimierte Baustellendurchführung, leistungsfähigere Leit- und Sicherungstechnik, punktuell und teilweise auch streckenbezogen größere Spielräume auf der Seite der Infrastruktur und verbesserter Vegetationsschnitt.

Ein Teil dieser Maßnahmen wirkt mittel- bis langfristig, ein Teil umgehend oder kurzfristig. Die größten Auswirkungen sind jeweils lokal auf Ebene von Strecken oder Linien, idealerweise auch regional auf Netzebene zu sehen.

Dazu drei Beispiele:

  1. In München wird derzeit mitten durch die City die zweite Stammstrecke für die S-Bahn gebaut, ein Großprojekt, das unter anderem dafür sorgen soll, die Betriebsqualität für alle S-Bahnlinien mittels zweier zusätzlicher Gleise deutlich zu verbessern. Dadurch soll die Wahrscheinlichkeit von Zugausfällen deutlich verringert und die Pünktlichkeit verbessert werden. Mit Inbetriebnahme dieses Projekts wird in allererster Linie ein positiver Effekt auf das gesamte Netz der S-Bahn München ausgehen.
    Doch auch der Regionalverkehr wird auf einigen Mischverkehrstrecken z. B. Richtung Freising oder Markt Schwaben profitieren, wenn sich das störanfällige und überlastete S-Bahnsystem stabilisiert. Es ist damit zu rechnen, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form, dass benachbarte Knotenbahnhöfe wie Regensburg oder Mühldorf ebenfalls einen Nutzen von der zweiten Stammstrecke haben. Im allerweitesten Sinne könnten auch die durch Regensburg und Rosenheim verlaufenden Fernverkehrslinien einen indirekten Nutzen von einem zuverlässigeren Regionalverkehr haben, doch diese Effekte werden dann kaum noch messbar sein.
  2. Das Land Baden-Württemberg hat einen rund 50-köpfigen Lokführerpool aufgebaut, den die unterschiedlichen Eisenbahn-Verkehrs-Unternehmen im Falle von Lokführermangel nutzen können. Der Nutzen dieses Pools ist auf bestimmte Linien und Standorte begrenzt – zahlreiche Pools wären nötig, um deutschlandweit einen messbaren Effekt bei den Zugausfällen zu erzielen. Doch ohne Zweifel ist jeder einzelne vermiedene Zugausfall ein Fortschritt.
  3. DB Regio und die Bayerische Oberlandbahn haben Enteisungsanlagen beschafft, um die Fahrzeugverfügbarkeit zu erhöhen und dadurch winterliche Zugausfälle zu minimieren. Hier ist der Nutzen auf einige Linien und die Winterzeit konzentriert.

Es bedarf also zahlreicher lokal oder regional wirkender Maßnahmen, um deutschlandweit die Zahl der Ausfälle spürbar zu reduzieren, sodass die Zuverlässigkeit insgesamt steigt. Das Schöne an diesen Maßnahmen ist jedoch, dass sie mehrfach positiv wirken, denn sie haben in aller Regel auch einen noch spürbareren Effekt auf die Pünktlichkeit.

Zusammenfassend werden Sie strecken- und linienbezogen wahrnehmbare Verbesserungen erleben, sofern entsprechende Maßnahmen stattfinden und die jeweiligen Projekte abgeschlossen wurden. Eine generelle, deutschlandweite Verbesserung der Situation ist jedoch eine langfristige, jahrzehntelange Aufgabe, die eine entsprechende Strategie und den politischen Willen benötigt.

Wahrscheinlich ist, dass auf lange Sicht Ausfälle und Fahrtalternativen besser vorhersehbar und planbar sein werden, weil sich die Kommunikationsmöglichkeiten verbessern. Auch werden sich mit steigenden Zugzahlen die Fahrtalternativen bei Zugausfällen erhöhen und weniger spürbar auswirken.

Nach oben scrollen